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Karl Amadeus Hartmann, Alban Berg, Anton Webern

Sinfonie Nr. 6, Orchesterstücke op. 6

Bamberger Symphoniker, Ingo Metzmacher

EMI 5 55612 2
(53 Min.) 1 CD

Oft und gern wird der Münchener Karl Amadeus Hartmann als „letzter Sinfoniker” apostrophiert; tatsächlich ist er jedoch eher eine Figur „zwischen allen Stühlen”: Die Partei der „ewig Übermorgigen” bemängelt an seinen Sinfonien ihre zu wenig avancierte Kompositionstechnik, einigen konservativen Musikhörern hingegen klingen Hartmanns Werke nach wie vor zu sperrig. Um so mehr ist es zu begrüßen, daß Ingo Metzmacher mit den Bamberger Sinfonikern eine Gesamteinspielung aller acht Sinfonien des Komponisten in Angriff genommen hat.
Durch sein Studium bei Webern und die von ihm selbst betonte geistige Nähe zu Alban Berg wird Hartmann oft in die Nähe der Wiener Schule angesiedelt. Seiner Musik fehlt jedoch die geistige Strenge Schönbergs und Weberns und auch die diffizile Architektonik Bergs. Hartmann war in erster Linie Ausdrucksmusiker; den Boden der Tonalität verlässt er in seinen Werken nur selten. Ein gewisser Zug ins Pathetische, ins Exzessive gar, wird durch Kontrapunktik gebändigt, jedoch nie unterdrückt.
In vielerlei Hinsicht ist die Sechste Sinfonie, die in Metzmachers Gesamteinspielung jetzt vorliegt, besonders typisch für Hartmanns Schaffen. Viele seiner im Krieg entstandenen Werke arbeitete der Komponist später um und ließ sie – in modifizierter Form – in seine Sinfonien einfließen. Die Sechste rekrutiert sich aus einer 1938 entstandenen Sinfonie „L´Oeuvre“. Beide für Hartmann grundlegenden Satztypen sind in der Sechsten Sinfonie vertreten: das großangelegte Adagio und die virtuose Fuge. Die langsamen Sätze bilden in Hartmanns Sinfonien stets den emotionalen Höhepunkt; der Komponist selbst bekannte, in ihnen spiegele sich sein „ganzes Lebensgefühl“. Das Finale bildet den aggressiven Widerpart zum ausdrucksgesättigten Adagio. Hartmanns Kontrapunktik darf nicht mit selbstgenügsamem „Musizieren im Alten Stil” gleichgesetzt werden. Vielmehr eignet seinen Fugen eine frenetische Virtuosität, ja geradezu ein Zug ins Brutale, der sich in ausgedehnten Schlagzeugpassagen und einem abschließenden „Tumultoso” manifestiert.
Metzmachers Interpretation darf als rundum gelungen, in vielen Stellen auch als kongenial bezeichnet werden. Es gelingt ihm, wie schon in seiner Aufnahme der Ersten, Dritten und Vierten Sinfonie, einen großen Bogen zu spannen, ohne Details zu vernachlässigen oder gar Kanten abzuschleifen. Vielleicht hätte er sich im Adagio eine Nuance mehr Zeit nehmen können; ansonsten stimmt jedoch alles, nicht zuletzt die vorbildliche Klangkultur der Bamberger.
Auf die weiteren Veröffentlichungen von Metzmachers Hartmann-Zyklus darf man gespannt sein; in gut einem Jahr soll er abgeschlossen sein.

Thomas Schulz, 31.05.1996



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