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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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„Return from the Stars“

Mark Turner

ECM/Universal 3842871
(65 Min., 11/2019)

„Lathe of Heaven“, Mark Turners 2014 erschienene Quartetteinspielung für ECM, wurde vom Guardian einmal als „Birth of the Cool“ fürs 21. Jahrhundert bezeichnet. Da ist es nur logisch, dass der Nachfolger, den der Tenorsaxofonist mit einer bis auf Bassist Joe Martin neu formierten Band aufgenommen hat, so anfängt wie ein Update von „Kind of Blue“. Das samtene, perfekt austarierte Zusammenspiel von Saxofon und Jason Palmers Trompete lässt im Opener „Return from the Stars“ wie auch in „Terminus“ an den Miles Davis der „Freddie Freeloader“-Zeit denken.
Für Turner ist dieser Klang aber nur die Startrampe, um sich und sein Quartett in eine Welt zu katapultieren, die gleichzeitig so fremd und so vertraut ist wie die Erde in Stanisław Lems Klassiker „Rückkehr von den Sternen“. In dem 1961 veröffentlichten Roman kehrt ein Astronaut nach zehnjährigem Weltall-Aufenthalt auf eine Erde zurück, auf der aufgrund der Zeitdilatation 127 Jahre vergangenen sind. Und ungefähr so kann man sich auch die Musik auf Turners zweiter ECM-Aufnahme unter eigenem Namen vorstellen. Man hört ferne Wurmloch-Echos aus dem Jazz der 1960er Jahre – neben Miles ist es vor allem Ornette Coleman, an den man denken muss – aber gleichzeitig vernimmt man eine evolutionär weiterentwickelte Sprache.
Wenn Tenorsaxofon und Trompete sich gemeinsam in lang gewundenen Linien ergehen, ist es so, als redeten sie. Manchmal, wie in „It’s Not Alright with Me“ oder „Unacceptable“ glaubt man sogar die Stücktitel als trotzig von den Bläsern ausgespuckte Wörter wiederzuerkennen. In diesen Nummern zeigt sich der für sein perfekt ausgeruhtes Spiel gerühmte Turner so expressiv wie selten; da lässt stellenweise Archie Shepp grüßen.
Dennoch bleibt alles in einer beinahe schon unwirklichen Balance: Das Kompositorische, das einen für Jazzverhältnisse ausgesprochen großen Raum einnimmt, wirkt in dem ohne Akkordinstrument agierenden Quartett aufgrund der variablen Rhythmen von Bassist Joe Martin und Drummer Jonathan Pinson nicht einengend. Wie auch das Solistische immer in einem klaren Bezugsrahmen stattfindet. Turner gelingt es so, wie ein Science-Fiction-Autor vermeintlich Unvereinbares zusammenzubringen: Gebundenheit und Freiheit, Dichte und Luftigkeit, die Vergangenheit des Jazz und seine mögliche Zukunft. Spröde, aber spannend.

Josef Engels, 23.04.2022



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