home

N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



Responsive image

„Amaryllis“

Mary Halvorson

Nonesuch/Warner 7559791273
(38 Min., k. A.)

Sehen harmlos aus, sind aber echt nicht ohne: Wohl nicht ohne Grund hat Mary Halvorson ihre beiden neuen Alben nach hübschen, aber höchst giftigen Pflanzen benannt – nach der Amaryllis und der Tollkirsche Belladonna. Ähnlich wie die Gewächse nehmen sich nämlich auch die als Doppel-LP oder parallel auf zwei CDs erscheinenden Einspielungen zunächst wie eine ungefährliche Mischung aus Streichquartett und Jazz-Sextett aus. Sie erweisen sich dann aber als durchaus riskantes Hörvergnügen.
Halvorson, die als originellste Jazzgitarristin der Gegenwart gilt, kommt ursprünglich von der Geige. Ihr nie erlahmendes Interesse an dem Modulations-Potenzial der schwingenden Saiten hat sie nun zum ersten Mal auf Kompositionen für Streicher angewandt. Während sie auf „Belladonna“ alleine mit dem Mivos Quartet interagiert, wagt sie auf „Amaryllis“ einen noch größeren Brückenschlag. Mit zwei Bläsern (Jacob Garchik an der Posaune und Adam O’Farrill an der Trompete), Rhythmusgruppe (Nick Dunston am Bass und Tomas Fujiwara am Schlagzeug) sowie zum ersten Mal mit einem Vibrafon (gespielt von Patricia Brennan) lässt die New Yorkerin gewissermaßen zwei Klang-Module in Dialoge treten.
Anfangs präsentiert sich das Sextett streicherlos als Avantgarde-Freefunk-Formation, die höchst präzise mit krummen Taktarten und schrägen Akzenten ringt. Manchmal, wie im Titelstück „Amaryllis“, klingt das wie ein wilder Ritt auf einem bockigen Pferd. Die Hinzunahme des Mivos Quartets (bestehend aus Olivia De Prato und Maya Bennardo an den Geigen, Victor Lowrie Tafoya an der Viola und Tyler J. Borden am Cello) in der zweiten Albumhälfte bringt eine fremdartige Schönheit in die gleichermaßen vertraut wie irritierend wirkenden Stücke.
Es ist ein klangliches Vexierspiel, das auch Halvorsons ganz eigenen Umgang mit der Gitarre und den Möglichkeiten der Tonbehandlung durch ungewöhnliche Effekte auszeichnet. Wenn sie spielt, mag man sich an den Dopplereffekt erinnert fühlen, an Salvador Dalís zerfließende Uhren oder an einen bewusst herbeigeführten elektronischen Glitch. Kurz: So wie sie klingt niemand. Wurde schon erwähnt, dass das Gift der Tollkirsche nicht nur tödlich, sondern auch bewusstseinserweiternd wirken kann?

Josef Engels, 02.07.2022



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Auf Anregung seines Lehrers Carl Friedrich Zelter schrieb der blutjunge Felix Mendelssohn Bartholdy im Alter von 12 bis 14 Jahren zwölf Streichersinfonien im Zeitraum von 1821 bis 1823. Diese Werke bildeten sein Übungs- und Experimentierterrain für den musikalischen Satz, die Instrumentation und die sinfonische Form. Mendelssohn überschrieb die Stücke, die er mal mit drei und mal mit vier Sätzen gestaltete, wechselweise mit „Sinfonia“ oder „Sonata“. In ihnen fand die […] mehr


Abo

Top