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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



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„Isabela“

Oded Tzur

ECM/Universal 4506014
(36 Min., 9/2021)

„Wenn er hinter einem Vorhang aufträte, könnte niemand sagen, welches Instrument er spielt“, lobte der Mentor von Oded Tzur einmal die spezielle Klangästhetik des israelischen Tenorbläsers. Dass es sich bei Tzurs Lehrmeister nicht um einen Saxofonisten, sondern um den indischen Bansuri-Flötisten Hariprasad Chaurasia handelt, sagt alles über den Wahl-New-Yorker aus.
Auch Tzurs zweite Einspielung für ECM ist entscheidend geprägt von seiner Auseinandersetzung mit der klassischen Musikkultur Nordindiens. Die fünf Stücke auf „Isabela“ folgen den strukturellen Vorgaben eines Raga – so erweist sich beispielsweise die wie eine mächtige Ursuppe brodelnde Eröffnung „Invocation“ als Chalan, als komprimierte Inhaltsangabe des Folgenden.
Aber all das muss man nicht unbedingt wissen, um den einnehmenden Klangerzählungen von Tzur, Pianist Nitai Hershkovits, Bassist Petros Klampanis und Schlagzeuger Jonathan Blake folgen zu können. Denn der aus den indischen Quellen verinnerlichte Umgang mit Mikrotonalität, Dynamik und Melodienfügungen wird von dem Quartett in den großen Strom US-amerikanischer oder nahöstlicher Musiktraditionen eingespeist. „Noam“ etwa klingt wie ein israelisches Volkslied, während das Titelstück „Isabela“ den poetischen inneren Monologen eines Free-Jazz-Geistes zu folgen scheint. Man hört auch viel von der suchenden Spiritualität des „Love Supreme“-Coltrane heraus.
Und ja, der Flöten-Meister Hariprasad Chaurasia hat recht: In der Tat vermag es Tzur, seinem Instrument immer wieder neue Identitäten zu verleihen. Wenn er spielt, fühlt man sich mal an eine Ney erinnert, mal an ein Cello, mal an einen beseelten Griot-Sänger. Ähnlich geht es einem mit seinem kongenialen Pianisten Hershkovits, der zuweilen wie eine wahnwitzige Symbiose aus Bill Evans, Sitarvirtuose und Tastenderwisch wirkt.
Im Raga höre er „Verbindungen zu in Synagogen gesungenen Gebeten, zum Blues und zu Musik aus aller Welt“, sagt Oded Tzur. Mit „Isabela“ belegt er diese These nicht nur auf eindrucksvolle Weise, sondern zeigt auch, dass er einer der ungewöhnlichsten Tenorsaxofonisten der Gegenwart ist.

Josef Engels, 16.07.2022



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