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Felix Mendelssohn Bartholdy

Ein Sommernachtstraum op.21 und 61 (englisch), Ouvertüre zu „Ruy Blas"

Rebecca Evans, Joyce DiDonato, Le Jeune Chor de Paris, The Oxford and Cambridge Shakespeare Company, Ensemble Orchestral de Paris, John Nelson

Virgin Classics/EMI 545 532-2
(77 Min., 12/2001) 1 CD

Das sollte deutschen Bildungspolitikern noch einmal Tränen der Erinnerung in die Augen treiben: es gab einmal Zeiten, da vergnügten sich (begüterte) 16-Jährige damit, abends auf sommerlichen Gartenfesten Shakespeare-Stücke in verteilten Rollen und Verkleidungen vorzulesen! So geschehen z.B. bei den Mendelssohns in ihrer Berliner Villa anno 1825ff. „A Midsummer Night’s Dream" hatte es dem Jüngling Felix so sehr angetan, dass er das Shakespeare'sche Flair der Elfen, Rüpel und verliebt streitenden Paare kongenial in Töne übersetzte und in nur vier Wochen vorliegende Konzertouvertüre niederschrieb.
Sie, wie auch die erst siebzehn Jahre später konzipierte Schauspielmusik, besitzen eine derart plastische musikalische Aussagekraft, dass der Hörer die Text-Vorlage eigentlich nicht benötigt (sieht man von den Melodramen oder den wenigen Passagen ab, die den Text lautmalerisch unterlegen). Und doch: die vorliegende Einspielung mit den dazugehörigen Original-Texten zeigt nicht nur den inneren Zusammenhang der Stücke, sie hilft auch deren tonmalerischen Charakter zu verstehen. So etwa beim zauberhaften „Scherzo", das das Treffen des Kobolds Puck mit einer Elfe in einem Wald bei Athen illuminiert (diesen versteht Mendelssohn natürlich als deutsch-romantischen Wald) - oder die ängstlich drängende Hermia, die vergeblich ihren Lysander anruft und so Mendelssohns mit „appassionato" überschriebenes Intermezzo zum dritten Akt erst verständlich werden lässt. Davon unabhängig ist es ein Genuss, der Shakespeare Company zuzuhören, die die Eleganz, Farbigkeit und den Witz der Sprache ihres Ahnherrn (soweit ich das beurteilen kann) aufs trefflichste nahe bringt.
Und musikalisch? John Nelson und seine beiden Pariser Ensembles und Solistinnen präsentieren einen recht „ordentlichen", nicht sonderlich filigranen oder dynamisch ausgefeilten Mendelssohn, der zudem in einem trocken-hölzernen Aufnahmekleid dargeboten wird. In punkto geschmeidiger Differenzierung von Haupt- und Nebenstimmen bleibt man um einiges z.B. hinter Herreweghes Version zurück. Auch fehlt im Booklet eine deutsche Übersetzung, so dass man als Shakespeare-Unkundiger die Schlegel'sche Übertragung, die auch Mendelssohn benutzte, parat haben sollte. Nur so kann die Platte ihre Reize, die sie durchaus hat, zumindest en gros entfalten.

Christoph Braun, 02.03.2003



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