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N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



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„Joni“

Robert Summerfield, Lars Duppler

Herzog Records/Soulfood 901099HER
(42 Min., 4/2021)

In diesem Sommer des Missvergnügens gibt es tatsächlich auch gute Nachrichten: Joni Mitchell ist unverhofft wieder aufgetreten, beim Newport Folk Festival vor einer begeisterten und zutiefst gerührten Menschenmenge. Ihr letztes komplettes Konzert gab die inzwischen 78-Jährige im Jahr 2000; ein 2015 erlittenes Aneurysma im Gehirn hatte es unwahrscheinlich aussehen lassen, dass die wohl größte Songwriterin des 20. Jahrhunderts jemals wieder vor Publikum singen wird.
Vor diesem Hintergrund ist das Duettalbum des deutsch-amerikanischen Vokalisten Robert Summerfield und des deutsch-isländischen Pianisten Lars Duppler ein weiteres unverhofftes Geschenk für die Mitchell-Fans – sowie für die Freunde jazzfundierter Vortragskunst. Summerfield und Duppler mögen bei ihren konzentrierten Bearbeitungen von acht Songs der kanadischen Tondichterin zwar recht sparsam agieren und die improvisatorischen Girlanden dem gelegentlich hereinschwebenden Sopransaxofon von Denis Gäbel überlassen – aber damit lassen sie den weit fernab des Regelwerks von Pop und Folk irrlichternden Kompositionen noch mehr poetische Gerechtigkeit widerfahren.
Summerfields leicht angeraute, auch große Intervallsprünge fein meisternde Stimme erinnert an die späte Joni Mitchell, die sich an der Seite von Herbie Hancock auf „Gershwin’s World“ 1998 als veritable Jazzsängerin mit abgedunkelten Blue Notes präsentierte. Zu behaupten, der Sänger halte sich zurück, ist ein Fehler – ihm geht es vielmehr lobenswerterweise darum, die nicht eben einfach zu singenden Melodien und ungewöhnlich verteilten Silben so wiederzugeben, dass die Texte von Stücken wie „Blue“, „Edith and the Kingpin“, „A Case of You“ oder „Both Sides Now“ ihr volles bittersüßes Aroma entfalten können.
Duppler gelingt es in seinen Begleitungen, eine dynamische und dramaturgische Spannung aufrecht zu erhalten, was bei erzählerisch angelegten Stücken mit einer größeren Anzahl immer gleich gebauter Strophen zweifellos eine Herausforderung ist. Der Pianist arbeitet klug mit Nuancen, etwa in dem coolen gospeligen Turnaround, den er bei „Blue“ aus einer im Original kurz aufblitzenden Phrase entwickelt. Oder in seinem enorm reduzierten Solo in „Blue Motel Room“. Das Lied von der 1976 veröffentlichten Platte „Hejira“ ist zudem ein gutes Beispiel für das gute Händchen, das Summerfield und Duppler bewusst oder unbewusst bei ihrer Songauswahl beweisen – geht es im Text doch unter anderem um eine fiese Viruserkrankung („German Measles“, also Röteln) und eine zerrüttete Beziehung, die mit dem Kalten Krieg verglichen wird. Themen, die leider wieder hochaktuell sind. Und gleichzeitig als weiterer Beleg für die Zeitlosigkeit von Joni Mitchell taugen, die Summerfield und Duppler mit ihren Versionen so punktgenau herausarbeiten.

Josef Engels, 20.08.2022



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