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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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Gustav Mahler

Sinfonien Nr. 1-10

Diverse Solisten und Chöre, Concertgebouw-Orchester Amsterdam, Leonard Bernstein u. a.

DG/Universal 002894861876
(752 Min., 1974-75, 1985-88) 16 LPs

Unter den großen Pultstars des 20. Jahrhunderts war Leonard Bernstein der leidenschaftlichste Verfechter der Musik Gustav Mahlers: Als Dirigent und Komponist empfand er eine tiefe Seelenverwandtschaft mit Mahler und war der entscheidende Motor der weltweiten Mahler-Renaissance in den 1960er Jahren. So realisierte er mit den New Yorker Philharmonikern, dem früheren Orchester Mahlers, den ersten kompletten Zyklus seiner Sinfonien auf Schallplatten, und setzte sich später auch in Europa, und da vor allem in Wien, vehement für Mahlers Rehabilitierung ein. Seine Mahler-Diskografie verzeichnet 46 Aufnahmen und allein von der Neunten, die ihm besonders am Herzen lag, gibt es fünf Versionen.
Nachdem Sony schon 2017 Bernsteins ersten Mahler-Zyklus auf 15 LPs herausgebracht hatte, folgt jetzt das Gelblabel mit der ersten kompletten Vinyl-Edition seines zweiten, größtenteils auf Digitalaufnahmen basierenden Mahler-Zyklus aus den späten 1980er Jahren, die um zwei Analog-Produktionen (der Achten und des Adagio-Fragments der Zehnten von 1974 bzw. 1975) ergänzt wurde. So besehen war dieser späte Zyklus keine geplante Studioproduktion, sondern eine nachträgliche Zusammenstellung von korrigierten Konzertmitschnitten, die Bernstein zwischen 1985 und 1988 mit drei führenden Mahler-Orchestern in Amsterdam, New York und Wien realisierte. Es geht hier also auch um die Dokumentation der ganz besonderen Aura des Live-Dirigenten Bernstein und wichtiger Zeugnisse seines Mahler-Spätstils. Er war nämlich der Erste, der Mahlers „innere“ Programme, die Bildgewalt, den Zwiespalt und den Erlösungsdrang seines gewaltigen sinfonischen Romans, in pralle, suggestive, hochexpressive Klangrede umsetzte, der Erste, der sich mit Mahlers sinfonischem Ich restlos identifizierte, ja sich als moderner Wiedergänger Mahlers begriff. So erkannte er in Mahlers Sinfonien die prophetische Voraussage aller Schrecken des 20. Jahrhunderts.
Diese geistig-psychologische Vereinnahmung Mahlers inspirierte ihn zu extremen Lösungen, zu extremen Tempi, zu extremer Dynamik und zu einem impulsiven Rubato-Spiel, das seismografisch der Semantik der Musik folgte und nicht irgendwelchen abstrakten Tempovorgaben. So nahm er sich manche Freiheiten, wie etwa seine Vorliebe für besonders langsame Tempi in den langsamen Sätzen: Das berühmte Adagietto in der Fünften streckte er auf über elf Minuten, während Mahler selbst dafür nur sieben benötigte. Und auch das große Schlussadagio der Neunten, Mahlers „endgültiges Lebewohl“, geriet 1985 in Amsterdam (mit fast 30 Minuten Dauer) zu einer existenziellen Beschwörung des Lebens, der Tonalität, des Glaubens, und zu einem leidenschaftlichen Hymnus wider den Tod. Und diese glühende, ja herzzerreißende Intensität, die geballte emotionale Power und ihre tiefe Leidenschaft sind es, die Bernsteins späte Mahler-Aufnahmen bis heute so lebendig, so charismatisch aber zugleich so spirituell und zukunftsweisend bleiben ließen und spannender als die vielen Langweiler, die Mahlers Botschaften in den letzten Jahren zu wohltönenden Klangfassaden und zu aalglattem Mainstream verbogen haben. Alle Aufnahmen der aufwändig gefertigten LP-Edition wurden in den renommierten Emil Berliner Studios von den Originalbändern neu remastered.

Attila Csampai, 01.10.2022



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