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N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



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Giovanni Pierluigi da Palestrina, Anton Bruckner, Burkhard Kinzler

„Bruckner Spectrum“

The Zurich Chamber Singers, Christian Erny

Berlin Classics/Edel 0302630BC
(59 Min., 4/2022)

Der Rezensent fühlte sich unwillkürlich an Salvador Dalís zerfließende Uhren erinnert, als er Burkhard Kinzlers „Bruckner-Brücken“ auf diesem Album hörte. Diese Auftragskompositionen sind der zeitgenössische Anteil an diesem ansonsten aus Musik von Anton Bruckner und Giovanni Pierluigi da Palestrina bestehenden Programm. Sie können Brückenfunktion zwischen der Musik Palestrinas und derjenigen von Bruckner einnehmen so wie im Fall der zweiten Episode, die mit einem Verfremdungseffekt unmittelbar an die Schlusskadenz von Palestrinas „O bone Jesu“ anknüpft und direkt in Bruckners „Os justi“ führt. Sie verbinden ansonsten aber auch Bruckner mit Bruckner, und sie funktionieren stets im Sinne einer Auflösung der Substanz des vorausgegangenen Stückes, nach „Locus iste“ in einer Fragmentierung. Tropfend oder fließend spielen sie mit der Substanz und bündeln sich nach einer Weile wieder im Hinblick auf das Kommende, das sie auf unterschiedliche Weise ansteuern, etwa durch ein mehrfaches Glissando bis hinauf zur Tonhöhe der anschließenden Motette.
Freilich hätten Palestrina und Bruckner auch für sich stehen können: Bruckner, der in seinen Motetten deutlich an das Renaissance-Ideal anknüpfte, ohne jedoch im mindesten ein Cäcilianist zu sein, lieferte mit Motetten wie „Christus factus est“ oder „Ave Maria“ einige in puncto Wort-Ton-Bezug unübertrefflich aussagekräftige liturgische Vokalwerke, die satztechnisch an die alten Meister anknüpfen, harmonisch und musikalisch-rhetorisch aber völlig eigenständig sind. Daneben steht Palestrina, von manchen als marmorner Monolith einer fernen Vergangenheit beargwöhnt, mit der fast hermetischen Perfektion seiner Satzkultur als überzeitlich großartiges Phänomen ganz unangefochten im weiten Raum der Musikgeschichte.
Alles andere als hermetisch ist der Chorklang der „Zurich Chamber Singers“ unter Leitung von Christian Erny: Man hört eine Gruppe von etwas mehr als zwanzig jungen professionell ausgebildeten Stimmen, die sich mit ebenso großer wie unverbrauchter Leidenschaftlichkeit dem Ensemblegesang widmen und dabei ihr Vibrato und ihre je eigenen Timbres gerade so weit zügeln, dass man einerseits einen überzeugend geschlossenen Ensembleklang, andererseits aber auch noch dessen Zusammensetzung wahrnimmt. Hier wird geformt und gebündelt, aber nicht unterdrückt und verbogen. Aus diesem Ansatz resultiert eine angenehme Natürlichkeit des insgesamt durchaus jugendlichen Chorklangs, die man als Rezipient des intelligent zusammengestellten Programms ohne Weiteres als gewinnbringend wahrnimmt.

Michael Wersin, 08.10.2022



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