Responsive image
Hans Werner Henze

Sechs Gesänge aus dem Arabischen, Three Auden Songs

Ian Bostridge, Julius Drake

EMI 5 57112 2
(56 Min., 4/2000) 1 CD

Erst der Text, dann die Musik - oder umgekehrt? Diese uralte Frage kehrt im Blick auf Hans Werner Henzes Liederzyklus "Sechs Gesänge aus dem Arabischen" in eigenwilliger Perspektive wieder: Er habe die Musik schon ungefähr in seinem Kopf gehabt, so schildert Henze im Beiheft die Entstehung des Zyklus, aber passende Texte dazu, die aus musikalischer Sicht keine Kompromisse erforderlich machen würden, hätten ihm noch gefehlt. So griff er für fünf der sechs Lieder einfach selbst zur Feder und schuf sich Gedichte, die er nach Belieben den Tönen anpassen konnte.
Dennoch - oder gerade deswegen ? - ist der Wort-Ton-Bezug bisweilen überaus plastisch, bis ins Lautmalerische hinein: Im furiosen Eröffnungsstück "Selím und der Wind" heulen die Windsbräute und stampfen die Walrösser auch im virtuosen Klavierpart, brillant gemeistert durch Julius Drake. Die beklemmenden, einem schmerzhaften Höhepunkt entgegenstrebenden Klanggebilde des zweiten Liedes erfahren ihre sprachliche Konkretion in der zoologisch exakten, allerdings ins menschliche Bewusstsein erhobenen Beschreibung des Paarungsaktes einer Gottesanbeterin mit ihrem gleichzeitig langsame Verspeisung erduldenden maskulinen Pendant. In "Fatumas Klage" schmachtet die Protagonistin nach Selíms Schwert, das ihren Leib durchbohrt, klafft doch zinnoberrot ihre Wunde.
Solchen dichterischen Ergüssen, gepaart mit einer aufwühlenden, stacheligen Musik, wird Ian Bostridge nur teilweise gerecht. Sein Deutsch ist immer noch nicht sehr idiomatisch, und seiner etwas gaumigen, die volle Körperresonanz scheuenden Tonbildung fehlt passagenweise allzu sehr die Bodenhaftung, wodurch die Ausdruckspalette etwas eingeschränkt ist.

, 25.01.2001



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Das Käuzchen ist nicht fortgeflogen! Heißt es in einer der programmatischen Überschriften aus Leoš Janáčeks zehnsätzigem Klavierzyklus „Auf verwachsenem Pfade” („On an Overgrown Path“). In tiefer Trauer über den Tod seiner Tochter Olga schrieb Janáček 1911 diese verrätselten wie kontrastreichen, autobiografisch deutbaren Miniaturen. Der Kauz, an der Oberfläche mit einer scheinbar friedlich anmutenden Choralmelodie in Musik gesetzt – und doch der Unheilsbote. Thomas Adès, […] mehr »


Top