home

N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



Responsive image
Paul Hindemith

Suite 1922, In einer Nacht, Sonate Nr. 2, Tanzstücke, Lied

Toros Can

L'empreinte digitale/Harmonia Mundi 7 42495 31352 3
(71 Min., 8/2001) 1 CD

Was ist bloß verkehrt an der Musik Hindemiths? Man kann sich den Mund fransig reden bzw. die Finger wund schreiben, wie viele Schätze sein Werk bietet, wie viel Herz, Blut und Leben darin steckt - meist bekommt man nur ein mitleidiges Lächeln als Reaktion. Vielleicht liegt es ja daran, dass sich zu viele mittelmäßige Interpreten daran versuchen und zu wenig richtig gute?
Zumindest Hindemiths Klaviermusik hat sich bei den Pianisten nie allzu großer Beliebtheit erfreut. Von den Großen fallen mir auf Anhieb nur Gould und Richter ein. Olli Mustonen hat, bevor der pianistische Teufel anfing, ihn zu reiten, eine anständige Aufnahme des "Ludus Tonalis" (siehe Rezension) vorgelegt. Und nun also Toros Can, dessen Einspielung der Ligeti-Etüden ihn mit Anhieb auf einen der vorderen Plätze katapultierte (siehe Rezension).
Eines hat Can jedenfalls nicht im Sinn: Hindemith als jenen graugefärbten Fugendrechsler zu präsentieren, als den liebgewonnene Klischeebilder ihn gern feilbieten. Das verbietet sich auch schon anhand der Werkauswahl: Bis auf die reife Zweite Sonate sind ausschließlich Frühwerke versammelt, unter anderem jene "Suite 1922", die zu den Stücken gehört, welche Hindemith einen kurzlebigen Ruhm als Bürgerschreck bescherten.
Can setzt - in diesem Werk wie auch den anderen - weder auf Spießer- noch auf Berserkertum, sondern auf Fantasie. Die Musik gewinnt unter seinen Händen eine selten gehörte Spontanität, wirkt wie improvisiert. Von diesem Ansatz profitiert vor allem die Stückesammlung "In einer Nacht", für mich eine der faszinierendsten Kompostionen des jungen Hindemith, in der er eine aphoristische, zerbrechliche Ausdrucksweise kultiviert, zu der er später nie mehr zurückgekehrt ist. Diese teils melancholischen, teils sarkastischen Miniaturen wirken, als hätten sich Schumanns "Kinderszenen" ins abendliche Zwielicht einer Großstadt verirrt. Toros Can findet genau die passenden, mit leichter Hand hingepinselten Zwischentöne, um die Miniaturen mit Leben zu erfüllen.
Der improvisatorische Grundzug prägt auch seine Interpretation der "1922"-Suite und der Sonate, und es sind wiederum die versonnen-lyrischen Elemente, die dadurch besonders zur Geltung kommen. Allerdings hätte ich mir bei den Jazz-Sätzen der Suite etwas mehr Biss gewünscht - allzu verhuscht, auch ein wenig gehaspelt klingt der "Ragtime" bei Can -, und in der Sonate vermisse ich ein wenig den missionarischen Geist eines Glenn Gould, der jede Note einzeln zum Singen brachte.
Trotzdem hat Can für seine individuelle Hindemith-Sicht Applaus verdient. Und der könnte noch lauter ausfallen, wäre das Klangbild nicht so indifferent, undynamisch, hallig und verklebt ausgefallen.

Thomas Schulz, 07.02.2002



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Auf Anregung seines Lehrers Carl Friedrich Zelter schrieb der blutjunge Felix Mendelssohn Bartholdy im Alter von 12 bis 14 Jahren zwölf Streichersinfonien im Zeitraum von 1821 bis 1823. Diese Werke bildeten sein Übungs- und Experimentierterrain für den musikalischen Satz, die Instrumentation und die sinfonische Form. Mendelssohn überschrieb die Stücke, die er mal mit drei und mal mit vier Sätzen gestaltete, wechselweise mit „Sinfonia“ oder „Sonata“. In ihnen fand die […] mehr


Abo

Top