Große Interpretationen schreiben unser Bild einer Rolle fest. Quadfliegs Faust. Oder auch Ileana Cotrubas als Manon. Mochte sie Des Grieux untreu werden oder das Klingeln der Goldmünzen besingen – das glockenhelle Timbre der Cotrubas erhielt Manon die mädchenhafte Reinheit der Siebzehnjährigen, die schuldlos den Versuchungen erliegt und ihre Reinheit bewahrt.
Angela Gheorghiu beweist nun mit einer furiosen Leistung, wie abgründig dieser Charakter (auch) sein kann. Schon durch den unschuldigen ersten Auftritt schimmert eine seltsam betörende Mezza-voce-Koketterie hindurch. Früh legt die Gheorghiu erste Samen jener verderbenbringenden Leichtfertigkeit, die später in atemberaubender stimmlicher Beweglichkeit aufgehen, wenn Manon als verschlagen-demütig Werbende Des Grieux dem Priesterstand abspenstig macht oder als vergnügungssüchtige Sirene das Glücksspiel besingt. Angela Gheorghiu bürdet der Manon-Rolle die ganze schillernde Ausdruckspalette einer dunkel-vielschichtigen femme fatale auf – ein sängerisch wirklich sensationeller Gegenentwurf zur fragilen Cotrubas.
Roberto Alagna dagegen gebietet nicht über die Ressourcen seiner Partnerin. Oft klingt seine Mittellage glanzlos, springt er ins heldische Register, gepresst angestrengt. Doch er gleicht das aus mit schauspielerischem Engagement. Er meidet seichtes Schmachten. Die weiche Poesie der Tagtraum-Arie glaubt man dieser psychologisch sorgfältig durchformten Figur. Die gleiche Sorgfalt, dazu ein Gespür für den flotten Witz des Stückes zeichnet die turbulenten Ensembleszenen aus. Und schließlich haben wir den wunderbaren José van Dam als düsteren Grafen Des Grieux.

Matthias Kornemann, 19.10.2000



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