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Claudio Monteverdi

L'incoronazione di Poppea

Sena Jurinac, Gerhard Stolze, Gundula Janowitz u.a., Wiener Staatsopernchor, Orchester der Wiener Staatsoper, Herbert von Karajan

Deutsche Grammophon/Universal 457 674-2
(142 Min., 4/1963) 2 CDs, mono

Karajan und Monteverdi? Das kann nicht sein! Doch nach den ersten sinfonischen Klangwogen der Intrada folgt die entsetzliche Gewissheit: Das Unmögliche, hier ward’s Ereignis, und zwar am 1. April 1963 in der Wiener Staatsoper.
Nein, kein Aprilscherz. Den verbietet schon der Name des Maestros und aller unter ihm agierenden Bühnenstars der gewichtigsten aller österreichischen Institutionen. Monteverdis letzte Oper liegt bekanntlich in verschiedenen, nur teilweise autorisierten Fassungen vor, für die nicht zuletzt auch Angaben für Instrumente fehlen. Instrumentations-Entscheidungen sind also notwendig, ebenso Bearbeitungen des ehedem so skandalösen Sujets - immerhin gibt's ein zutiefst bewegendes Liebes-Happy-End zwischen der skrupellos-intriganten Nobelhure und dem neurotischen Römerdespoten.
Wie hinreißend diese Musik klingen kann, haben die Züricher Monteverdi-Taten Harnoncourts und Ponnelles gezeigt. Aber was Erich Kraacks in Karajans Auftrag erstellte “freie Neufassung” von 1960 dem Opernpionier an spätromantischem Wulst, Würdebürden und Gefühlsdunst andichtet, mutet geradezu skurril an - heute jedenfalls. Da mag Peter Dusek im Beiheft noch so von der damaligen Pioniertat schwärmen, vom “Wunder einer großen Vorstellung”, das reine Tondokument jedenfalls weckt heute Bauchgrimmen, so sehr sehren und sehnen die Geigen, grummeln die zahlreichen Kontrabässe, zirpen und arpeggieren die Harfen.
Und einige der Wiener Bühnenstars (etwa Otto Wiener) tremolieren mitunter so intensiv, daß - man verzeihe - einem die geniale Nero-Persiflage Peter Ustinovs aus “Quo vadis” in den Sinn kommt. Oder man vergleiche den Aufrtitt der Poppea bei Harnoncourt (Rachel Yakar) und Karajan (Sena Jurinac): dort eine glaubwürdige, weil Mensch gebliebene Frau, hier eine pathetische Hysterikerin, die wie Wagners Erda aus dem Nirwana flirrender Geigen und dräuender Bässe heraufsteigt.
All dies zeigt: Ein Dokument liegt hier vor, zweifellos, aber eines, das wie kaum ein zweites zeigt: die sechziger Jahre sind Äonen weit weg! Bei aller Karajan-Apotheose (man denke nur an seine gleichzeitig erschienene bravouröse Beethoven-Einspielung): Hier soll ihn der Bannstrahl der historischen Aufführungspraxis bis in den siebten Geigenhimmel hinein verfolgen!

Christoph Braun, 31.03.1998



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