Wie schön, wenn in den Wiederauflagen alter LPs die originalen Covertexte im Beiheft abgedruckt sind. Hier kann man aus erster Hand das kennen lernen, was Forscher so geschraubt "Wirkungsgeschichte" nennen. Bachs h-Moll-Messe mit Robert Shaw und seinem Chor entstand 1960, und damals, als die Pioniere der Aufführungspraxis nahezu unbemerkt vom großen Publikum erste diskografische Gehversuche unternahmen, verkaufte der Textautor diese Einspielung als deutliche Annäherung an Bach. Der Grund: Shaw setzte "nur" 33 Chorsänger und 29 Instrumentalisten ein, und darauf war man richtig stolz. Unverständlicherweise: Der Chor klingt massiv und dick. Der dichte Violinklang schwelgt (wie auch die Gesangssolisten) in einem Vibrato, durch das man ein Blatt Papier schieben könnte. Dieser Bach ist aus heutiger Sicht ein Brahms - aber dafür ein ganz ganz ordentlicher.
Shaw sorgt für eine eigenmächtige, aber nicht unkluge Tempoführung. In großen Bögen zielt er bombastische Höhepunkte an, und das in stufenlosen Wandlungen ohne die berüchtigte "Terrassendynamik". Leider lässt die Tontechnik zu wünschen übrig. Der Gesamteindruck ist verwaschen, die Mittelstimmen bleiben auf der Strecke.

Oliver Buslau, 01.12.1999



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