Bevor die Mutter aller Opern den Vater aller Sänger in das grausame Leben entlässt, führt La Musica in ihrem Prolog in die wunderbaren Welten der Musik ein. Von "süßen Harmonien" singt sie dann, von sanften Tönen, die Herzen umschmeicheln können. Und natürlich verschweigt sie nicht ihre Kräfte, mit denen sie Trauer und Zorn umwandeln will. Denn Claudio Monteverdis Opernerstling "L'Orfeo" von 1607 ist vor allem eines: ein auratischer Wegweiser aus der negativen Totalität, in der die menschliche Existenz verharrt. Weshalb auch wenigstens dem Titelhelden zum guten Schluss von Gottvater Apoll die versöhnliche Apotheose gestattet wird, nachdem er sich am Verlust seiner Euridice schuldig gemacht hat. Dass dieses Künstler- und Menschheitsdrama dennoch im Gegensatz zu den beiden anderen überlieferten Opern Monteverdis eine merkwürdig stiefmütterliche Rolle auf dem CD-Markt spielt, ist schon erstaunlich. Was vielleicht an den so unterschiedlichen wie wegweisenden Einspielungen von Nikolaus Harnoncourt, John Eliot Gardiner und René Jacobs liegen mag. Jetzt legt die französische Dirigentin Emmanuelle Haïm nach, mit ihrem Concert D'Astrée und einem überaus prominent besetzten Sängerensemble.
Und zumindest so hell durchflutet von irdischen, fast derben Rhythmen hat keiner bisher Monterverdi auf Boden zurückgeholt. Überhaupt hat Haïm mit ihren musikhistorisch glänzend eingestellten Instrumentalisten für eine Balance gesorgt, die der Strahlkraft dieses Mythos tänzerische Leichtigkeit mitgibt und die ariose Abgründigkeit nicht übertreibt. Was zur einer durchaus mitreißenden, schnittigen Stromlinienförmigkeit führt, die auf Dauer doch an Spannung verliert. So gerät denn bisweilen die barocke Klage-Rhetorik bei Ian Bostridge als Orfeo eher zu einer maßstabsgerechten, statt zu einer durchlittenden Herbheit. Allein Véronique Gens als Prosperina durchzieht bei aller Schlankheit ihrer Stimme ein Glühen und Beben, mit dem wenigstens sie wie unter einem Brennglas das Tragisch-Lamentohafte fokussieren kann.

Guido Fischer, 22.06.2004



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