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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 7

London Symphony Orchestra, Michael Tilson Thomas

RCA/BMG 09026 63510 2
(81 Min., 11/1997) 2 CDs

Aus unerfindlichen Gründen war die Siebente bis jetzt das Aschenputtel unter Gustav Mahlers Sinfonien. Ich habe das nie so ganz verstehen können, denn zumindest in den ersten drei Sätzen findet sich die aufregendste, skurrilste und zukunftsweisende Musik, die Mahler je schrieb. Meist wurde die Indifferenz gegenüber Nummer Sieben dem Finale in die Schuhe geschoben, einem Jubelsatz in C-Dur, der so gar nicht ins Bild der gern heranzitierten Mahlerschen "Gebrochenheit” passen mag. Und noch ein weiterer Grund mag Ausschlag gebend sein: Nach der tiefen Tragik und dem extremen Subjektivismus der Sechsten kehrte Mahler in der Siebenten sein Gefühlsleben nicht mehr so extrem nach außen, suchte sein Heil vielmehr in einer Wiederbelebung jener Naturklänge, wie sie in den frühen "Wunderhorn”-Sinfonien zu finden sind. Sicher finden sich in dem Werk auch Leidenschaft und Überschwang, doch sie werden eher von außen geschildert als selbst durchlebt.
In der Vergangenheit wurde in diese Partitur viel hineingeheimnisst, auch von den Interpreten. Dass Michael Tilson Thomas dies nicht tut, macht einen Teil des großen Erfolges seiner Einspielung aus. Er unternimmt keinen Deutungsversuch, sondern präsentiert das Werk als das, was es ist, nämlich einerseits ein Kaleidoskop bunter, zum Teil greller Farben, andererseits als eine Reise von der Dunkelheit der ersten Sätze ins blendende Licht des Finales. Nie habe ich die großen Steigerungen des Kopfsatzes mitreißender vernommen; das ist reines Klang gewordenes Adrenalin. Die erste der beiden "Nachtmusiken” präsentiert Tilson Thomas im angemessenen Zwielicht zwischen Spitzweg-hafter Gemütlichkeit und albtraumhaftem Spuk, in gemessenem Tempo, die schrillen Kaskaden der Holzbläser und den Klangeffekt der Herdenglocken genüsslich auskostend. Das "Schattenhaft” überschriebene Scherzo kommt weniger dämonisch als unter Bernstein und Rattle, dafür mit genauestens austarierten Farbwerten und Tempomodifikationen.
Der eigentliche Clou dieser Einspielung jedoch ist das Finale, jener ominöse Prachtschinken mit der kennzeichnenden Überschrift "Allegro ordinario”, für den sich fast alle Mahler-Apologeten und -Interpreten schämen zu müssen glauben. Anders als die meisten Dirigenten, die in diesem Satz entweder übertreiben (um vermeintliche "kritische” Intentionen Mahlers zu unterstreichen) oder, noch schlimmer, schamhaft untertreiben, nimmt Tilson Thomas Mahler beim Wort. Die ständigen Tempowechsel ebenso skrupulös wie elegant ausführend, verhilft er dem Finale nicht nur zu innerer Geschlossenheit, sondern auch zu humoristischem Potenzial: Wenn er sein Orchester in der Coda in den nicht mehr steigerbaren Endspurt treibt und dazu die Röhren- und Herdenglocken so ungeniert und plakativ bimmeln und klingen lässt, wie sich das sonst noch nicht einmal Bernstein traut, spürt man, dass Mahler bei der Komposition des Werks ebenso großen, vielleicht auch diebischen, Spaß gehabt haben muss wie MTT und sein Orchester beim Spielen. Mit dieser Einspielung empfiehlt sich Michael Tilson Thomas als Mahler-Interpret ersten Ranges.

Thomas Schulz, 13.01.2000



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