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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 3

Dagmar Pecková, Frauen des Rundfunkchors Berlin, Knabenchor Hannover, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Kent Nagano

Teldec/Warner Classics 6 8573-82354-2
(95 Min., 9/1999, 11/1999) 2 CDs

Für Mahler musste eine Sinfonie "die Welt umfassen", und in keinem seiner Werke hat er diesen Grundsatz so rückhaltlos befolgt wie in seiner Dritten, in der alles zu Wort kommt - von der toten Materie, die im ersten Satz erst allmählich zu Leben erwacht, über Blumen und Tiere zum Menschen, zum Engel und schließlich, im langsamen Finale, zur göttlichen Liebe. Zu so einer expansiven Formkonstruktion hat Mahler später nie mehr gegriffen, und auch nicht zu einer derart bunten Collage verschiedener Elemente vom Militärmarsch über das Volkslied zum weihevollen sinfonischen Adagio.
Kent Nagano und das DSO Berlin legen eine ungemein scharfkantige und vielschichtige Deutung dieser Sinfonie vor, in der besonders das für die Entstehungszeit Neue hervorgehoben wird - nämlich das Eindringen von Elementen der "niederen Musik" in das hehre Gebäude einer Sinfonie. In aller rohen Gewalt erklingen die Marschrhythmen im gigantischen ersten Satz, rücksichtslos knallen im Höhepunkt der Durchführung die Jahrmarktsklänge aneinander. Die Holzbläser scheuen sich nicht, kirmeskapellenartig in den schrillsten Farben zu kreischen, und das - hervorragend gespielte! - Posaunensolo kommt tatsächlich aus dem Urgrund des Vor-Zivilisatorischen. Auch in den Blumen- und Tierstücken des zweiten und dritten Satzes spricht wirklich die Natur selbst - mehr als in jeder anderen mir bekannten Aufnahme. Faszinierend auch der Klangfarbenreichtum der Streicher - vor allem in den schattenhaft-leisen Marschpartien des Kopfsatzes, in der die verschiedenen ungewöhnlichen Spieltechniken – am Steg, am Griffbrett u. a. – mit der größtmöglichen Deutlichkeit realisiert werden.
Dagmar Pecková ist eine sehr überzeugende, gleichermaßen dezente wie warmtönende Solistin für den vierten Satz (mit Nietzsches "O Mensch!"), aber auch für die Wunderhorn-Lyrik des fünften Satzes. Das abschließende Adagio schließlich interpretiert Nagano, trotz recht fließender Tempi, mit großer Innigkeit, die nie in Larmoyanz übergeht. In dieser Saison tritt Kent Nagano seine Stelle als Chefdirigent des DSO Berlin an. Eine bessere Visitenkarte hätten Orchester wie Dirigent zu Beginn ihrer Zusammenarbeit nicht vorlegen können.

Thomas Schulz, 17.08.2000



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