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Gustav Mahler

Das Lied von der Erde

Violeta Urmana, Michael Schade, Wiener Philharmoniker, Pierre Boulez

Deutsche Grammophon 469 526-2
(61 Min., 10/1999) 1 CD

Nach Salonen (siehe Rezension) und Maazel (siehe Rezension) ist dies die dritte Neueinspielung des "Liedes von der Erde" in einem Jahr. Was mag Pierre Boulez daran gereizt haben?
Das auffälligste Stilmerkmal der ganzen Aufnahme ist die Zergliederung größerer melodischer Gebilde in kleinere Motive. Dem wilden Ausbruch des Orchesters, der sich im Mittelteil des Liedes "Von der Schönheit" ereignet, wird damit alle mitreißende Bewegungsenergie entzogen; auch der Schluss des "Trunkenen im Frühling", so brav aufgesagt, wirkt ausgemacht abstinenzlerisch. Boulez sucht die Neutralität im Emotions-Überschwang dieser Partitur.
"Der Einsame im Herbst" beginnt mit einer Solokantilene der Oboe. In der Maazel-Aufnahme hören wir hier ein Wunder an lebendiger Artikulation. Boulez aber scheint jeden Legatobogen mit Misstrauen zu beäugen und zerlegt die Melodie fürs Intervall-Setzkästchen. Ein anderes Beispiel: Im "Trunkenen" gibt es ein kleines Terzett von Flöte und Violine mit dem Tenor, der voll sehnsüchtiger Erwartung fragt, ob denn schon Frühling sei. Salonen und Ben Heppner blieben fast andächtig stehen in diesen wunderbaren Takten auskomponierter Frühlingsahnung. Boulez und seinem recht schmalen, oft pressenden Tenor Michael Schade ist das allzu kitschig, sie wollen weiter. Im Orchester das übliche Kleinklein-Spiel.
Umso überraschter war ich, dass Boulez' Sektions-Konzept im "Abschied" funktioniert. Dessen Stil ist ohnehin weitaus fragmentarischer, ja auseinanderstrebender als jener der kürzeren, vorangegangenen Lieder. Die Aufnahme bezieht hier gerade aus der sorgfältigen Isolierung und Ausformulierung der ungezählten Motivsplitter einen flirrenden Reiz, so als füge sich das Gewebe des Satzes spontan ineinander - zusammengehalten von Violeta Urmanas hinreißendem Mezzogesang.

Matthias Kornemann, 25.01.2001



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