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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 5

Philharmonia Orchestra, Benjamin Zander

Telarc/In-Akustik 80569
(146 Min., 8/2000) 3 CDs, mit Werkanalyse-CD

Dies ist, wenn es so etwas geben könnte, die Idealinterpretation einer Mahler-Sinfonie! Viel ist darüber geschrieben worden, dass Mahler (der "Zeitgenosse der Zukunft“) seine Sinfonien im Grunde gar nicht für den Konzertsaal komponiert habe, worin mehr oder minder Mischklang wahrgenommen wird, sondern für die analytischen Möglichkeiten der modernen Stereofonie, die er natürlich noch nicht gekannt - aber vorausgeahnt hätte.
Und betrachtet man das intrikate Stimmengeflecht, das polyfone Netz oft sehr verschiedener Gefühle und Assoziationen, dann stimmt das. Allerdings nicht im Sinne des "Multi-miking“ der Sechziger und Siebziger, das alle Einzelstimmen solistisch isolierte und beziehungslos nebeneinander stehen ließ. Das klangliche Spaltbild muss wieder in eine Einheit überführt werden, die Analyse steht im Dienste der Synthese - und genau das ist hier auf von mir noch nie gehörte Weise verwirklicht!
Natürlich liegt es nicht nur an dem genialen Toningenieur und Telarc-Mitgründer Jack Renner, es ist auch Verdienst des deutschstämmigen, seit den Siebzigern in Boston lebenden Dirigenten Benjamin Zander. Der, offenbar auch Musikwissenschaftler von hohen Graden, tut genau das, was man bei Mahler tun sollte: Er hält sich an jedes Komma der akribisch notierten Vortragsanweisungen und erfüllt es mit Leben.
Als spräche nicht bereits die Aufnahme dieser "Schwellensinfonie“ in Mahlers Schaffen für die hervorragende Spielfähigkeit des Orchesters und die Gedankentiefe des Dirigenten, erzählt Zander auch noch auf einer Bonus-CD, wie sich ihm Mahlers Sinfonien-Kosmos darstellt: Er setzt sich mithin härtester Prüfung aus. Und besteht mit fliegenden Fahnen. Man mag natürlich, bei all der bezwingenden Richtigkeit und liebevollen Ausformung, bisweilen das Exzentrische vermissen - Soltis oft gnadenlose Attacke, Barbirollis Anfälle intimster Qual. Aber derlei Einwände verstummen vor der schieren Geschlossenheit, vor dem bis in die letzten Winkel ausgeleuchteten Erlebnis mahlerscher Sinfonik. Der Begriff "Texttreue“ wird von abenteuerscheuen Interpreten oft missbraucht für ihre eigene Trägheit; in diesem Fall fungiert er als Auszeichnung: Hier spricht Gustav Mahler und niemand sonst, kein Pult-Heros, keine Orchester-Diva, kein Technik-Hexer. Solche Diener muss man erst mal finden!

Thomas Rübenacker, 09.08.2001



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