Den kleinen Mahler-Zyklus mit der dritten Sinfonie einzuleiten, kann als Chronisten-Pflicht seitens Claudio Abbado und seiner Schallplattenfirma gesehen werden. Schließlich wurde sie vor genau hundert Jahren in Krefeld uraufgeführt. Doch der 1999 während eines London-Gastspiels entstandene Mitschnitt ist zugleich auch ein weiteres Dokument Abbados, der mit den großen Sinfonikern nicht immer auf Augenhöhe stand. Die aufgeplusterte, konturlose Zusammenarbeit mit dem Chikagoer Sinfonieorchester zuungunsten Mahlers Zweiter war so ein Beispiel.
Und ganz glücklich ist man jetzt auch nicht. Obwohl vieles entschlackt, die Artikulations- und Vortragsanweisungen hörbar gemacht worden sind. Doch es fehlt der Panoramablick, vieles ist nur vielversprechendes Stückwerk. Zumal die Kontrastfähigkeit nirgends entsprechend ausgereizt wird, um an die farbpolyfonen Energieströme zu gelangen, hinter die bruitistischen Gravitationskräfte und damit hinter Mahlers Kosmologie. Und selbst dessen Raffinement wird bisweilen nur noch karikiert. Kaum je hat man das "Blumen"-Menuett derart bieder als slawischen Bizet gehört.
Dass Abbado den Zugang zur geplanten Fallhöhe nicht gefunden hat, zeigt sich schließlich und exemplarisch im vierten Satz. Die Mezzosopranistin Anna Larsson verschleppt sich in ein gefälliges Lamentoso, statt sich auf das subkutane Glühen einzulassen - bis an den Rand der Larmoyanz, gegen die dieses Mysterium der Zerrissenheit keine Chance hat.

Guido Fischer, 23.05.2002



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