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Gustav Mahler

Sinfonien Nr. 5 und Nr. 10 (Rekonstruktion: Barshai)

Junge Deutsche Philharmonie, Rudolf Barshai

Brillant Classics/Joan Records 92205
(143 Min., 1999, 9/2001) 2 CDs

Schon 1999 zeigte Rudolf Barshai, dass er einer der auf- und anregendsten Mahler-Dirigenten unserer Zeit ist. In Mahlers 5. Sinfonie ging er die Innenspannungen mit einer Clarté an, wie sie nur noch Pierre Boulez beherrscht. Und dabei durchlebte Barshai die emotionalen Intensitätsskalen, die Tiefendimensionen der Mahler'sche Farbpolyphonie mit einer faszinierenden Natürlichkeit. Mit diesem Mahler-Bild und -Verständnis nahm sich Barshai nun dem Fragment gebliebenen, sinfonischen Schwanengesang Mahlers an, der Nr. 10. Dass von diesem in den Sommermonaten des Jahres 1910 begonnenen Partiturentwurf bereits eine Rekonstruktion des Musikwissenschaftlers Deryck Cooke vorliegt, die sich auch dank Simon Rattle im Konzertsaal durchgesetzt hat, kann aber Barshais Version kaum in ihrer Bedeutung schmälern. Im Gegenteil.
Im Vergleich zu Cooke hat Barshai noch feinere Streben in Mahlers fünfsätzigen Lageplan eingezogen, um der Sinfonie ihre metaphysische Aura zu nehmen. Und auch von dem bis an Grenze des explosiv-emphatischen Leidenston Cookes ist nichts mehr zu hören. Weshalb auch die Live-Aufnahme der Berliner Uraufführung am 12. September 2001 unüberhörbarer Widerspruch zu der Behauptung im Booklet ist, dass hier ein musikalischer Kommentar zum kurz zuvor verübten Terror-Anschlag in New York zu erleben gewesen wäre. Dagegen spricht allein schon die prismatisch zupackende statt theatralisch taumelnde Junge Deutsche Philharmonie, achtet sie auf die von Barshai herausgestellte Dialogfähigkeit zwischen den kammermusikalisch agierenden Orchestergruppen und den hier anti-apotheotischen Tutti. Und wie Transparenz und Energie sich verbünden können, um gerade im "Scherzo" die Streicher schneidig hochschnellen zu lassen, erinnert von Ferne an einen russischen Komponisten, mit dem Barshai künstlerisch sein halbes Leben verbrachte: Dmitri Schostakowitsch. Auch aus so einer Perspektive lässt sich Mahlers 10. Sinfonie rehabilitieren. Und retten.

Guido Fischer, 20.03.2004



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