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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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Joseph Haydn

Klaviersonaten

András Schiff

Teldec/Eastwest 0630-17141-2
(147 Min., 1/1997) 2 CDs

Endlich wagt sich wieder ein renommierter Pianist an die noch immer hartnäckig unterschätzte Klaviermusik Joseph Haydns: Immerhin neun seiner zweiundsechzig Sonaten hat jetzt der 1953 in Budapest geborene András Schiff endlich jene Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ihnen als Schlüsselwerken der Gattung Klaviersonate längst gebührt.
Was mir an Schiffs impulsiver, gestenreicher, das neue diskontinuierliche Prinzip der Wiener Klassik plastisch herausmodellierender Deutung besonders gefällt, ist das freie Spiel der Motive und Gesten, die neue Bewegungsfreiheit der musikalischen Gestalten auf der Basis der neuen, qualitativen Zeitordnung: Er lässt uns spüren, welche unerhörten Experimente sich im musikalischen Versuchslabor des Physicus Haydn in der abgeschirmten Idylle der Burgenländischen Fürstenresidenz Eszterháza zutrugen und wie unterhaltsam, lebendig und subtil-ironisch Haydn seine musikalischen Kühnheiten hinter der Maske der Konvention vollzog.
Gleichwohl scheut der Feingeist Schiff die radikalen Grenzüberschreitungen eines solchen Exzentrikers wie Glenn Gould, und er nützt sogar die Gelegenheit, um den missliebigen Konkurrenten (und dessen Fangemeinde) im selbstverfaßten Begleittext harsch zu attackieren: “Goulds Haydn ist ebenso bizarr und pervertiert wie sein Mozart”, steht da, und weiter: “Dies zeigt eine vollkommene Unkenntnis des klassischen Stils und kann als solches nur von gleichermaßen unwissenden Zuhörern geschätzt werden.” Nur gut, dass der Oberlehrer Schiff hier weniger auf den Interpreten abgefärbt hat, denn in seinem Bemühen um lebendige Vergegenwärtigung des Haydnschen Klavierkosmos ist er näher an Gould, als er vielleicht meint.
Schiffs Haydn ist fraglos klarer, sichtbarer, greifbarer eingebettet in das reale kulturelle Ambiente seiner Zeit, während Gould die Musik auf ihre nackte, experimentelle Struktur reduziert, auf ihre neue Logik eben, die die alte transzendierende Logik Bachs ablöst. Schiff kultiviert die konkrete, Gould die abstrakte Seite der Musik Haydns: Und beides sollte nebeneinander bestehen dürfen.

Attila Csampai, 31.01.1999



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