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Joseph Haydn

Die drei letzten Streichquartette

L'Archibudelli

Sony SK 62731
(59 Min., 6/1996) 1 CD

Gegen Ende seines Lebens, als er dem Genre der Sinfonie nichts Neues mehr abgewinnen konnte oder wollte, beschäftigte sich Joseph Haydn vorwiegend mit zwei Gattungen: der Messe und dem Streichquartett. Die beiden 1799 komponierten Quartette‚ die er dem Fürsten Lobkowitz widmete und unter der Opusnummer 77 veröffentlichte, waren Haydns letzte vollendete Instrumentalwerke.
Vier Jahre später schließlich, nach Komposition der “Harmoniemesse”, wandte er sich noch einmal dem Streichquartett zu und komponierte zwei Sätze, Andante grazioso und Menuetto, eines Quartetts in d-Moll. Dieser Torso war die letzte Komposition, die Haydn zu Papier brachte.
Weihevolle letzte Worte wird man in Haydns späten Quartetten ebenso vergeblich suchen wie gemütliches Altherrengetändel; der “Papa Haydn”, ohnehin ein lästiger und überflüssiger Mythos, ist in dieser Musik nirgendwo präsent. Haydns Meisterschaft in der Ökonomie der thematischen Entwicklung hat in den Quartetten op. 77 ihren Gipfelpunkt erreicht. Nirgendwo erachtet es der Komponist für nötig, den Hörer mit den kleinen Schocks und Überraschungseffekten, die er so meisterlich beherrscht, auf seine Seite zu ziehen - was schon fast wieder schade ist. Diese Musik muss nicht mehr überreden oder überrumpeln - sie ist nur noch klanggewordene Meisterschaft. Und steht außerdem auf der Höhe ihrer Zeit, was sich nicht zuletzt an den Menuetten zeigt, die in ihrem energetischen Gestus an Haydns ehemaligen Schüler Beethoven gemahnen. Schroff, regelrecht unwirsch fährt vor allem das Menuett des d-Moll-Quartetts drein, mit dem Haydn sich aus der Welt der Musik verabschiedete - kein abgeklärtes Lebewohl, sondern eher ein Dokument des Ärgers, dass die physischen Kräfte versiegt sind, es nicht mehr weitergeht.
Das Ensemble L’Archibudelli trifft mit seinen Originalinstrumenten genau den sehnigen, etwas aufgerauhten Ton, der diese Werke prägt. Ihre schlanke, aber keinesfalls anämische Interpretationsweise zeichnet die thematischen Strukturen gleichermaßen energisch wie analytisch nach und lässt trotzdem Raum für leise Töne der Nachdenklichkeit in den langsamen Sätzen. Es ist zu hoffen, dass Anner Bylsma und seine Kollegen dem Haydnschen Quartettschaffen noch öfter ihre Reverenz erweisen.

Thomas Schulz, 30.06.1997



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