Responsive image
Joseph Haydn, Luigi Boccherini

Cellokonzerte, Streichquintett E-Dur

Yo-Yo Ma, Isaac Stern, Cho-Liang Lin, Jaime Laredo, Sharon Robinson, English Chamber Orchestra, Kammerorchester Saint Paul, José-Luis Garcia, Pinchas Zukerman

Music For You/Sony 89953
(65 Min., 1981, 1982, 4/1993) 1 CD

Wer spielte, selbst im Jahre 1982, noch ein Boccherini-Cellokonzert in der unsäglichen, "hochromantischen" Bearbeitung Friedrich Grützmachers? Antwort: Yo-Yo Ma. Und obwohl Ma einer der elegantesten Stilisten ist, klingt es hier prompt grob, undurchsichtig, wichtigtuerisch.
Das amerikanische Kammerorchester begleitet unter Leitung des Geigers/Bratschers Pinchas Zukerman zwar differenzierter als das englische Haydns C-Dur-Konzert, aber das rettet nichts mehr, denn das 19.-Jahrhundert-Boccherini-Pastiche hat in etwa die Konsistenz von in Sirup mariniertem Kaugummi. Der Cellist Grützmacher leistete sich sogar die Frechheit, den langsamen Satz mit dem eines anderen Boccherini-Konzerts auszutauschen! Warum nicht gleich "Boccherini's Greatest Hits"? Als vierten Satz vielleicht noch das Menuett aus dem Quintett op. 13/5, das in der Krimikomödie "Ladykillers" unsterblich wurde? Dann wär's endgültig weder Boccherini noch Grützmacher - sondern so was wie Bockmacher ...
Nämliches Menuett gibt es hier auch, allerdings dankenswerterweise in der Originalversion. Nur wird man das Gefühl nicht los, dass sich für dieses Streichquintett E-Dur eine Handvoll Giganten glanz klein macht - der Eindruck schwankt zwischen "allzu preziös ausgezirkelt" und "kammermusikalisch ganz okay". Bei Haydn spielt Yo-Yo Ma weltrekordverdächtig, er "staubt ab", zumindest im ersten und letzten Satz (im letzten fällt's nur nicht so auf).
Das sind alles längst bekannte Aufnahmen, von Sony in der Serie "Music For You" (für wen sonst?) neu kompiliert. Was wird noch alles versucht werden, um eine desinteressierte Jugend, eine potenzielle neue Käuferschicht davon zu überzeugen, dass "Klassik" zum Leben gehört wie "Lätta"-Margarine und Gervais' "Obstgarten"? Das Cover zieren Felsspitzen im Wolkennebel. Wer eine Erklärung dafür hat, was das mit Boccherini oder Haydn zu tun haben soll, der kann sich sofort bei der Autowerbung melden: Denen gehen nämlich seit zirka zehn Jahren die Ideen aus.

Thomas Rübenacker, 16.05.2002



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top