Joseph Haydn

Klaviertrios Hob. XV: Nrn. 18-20, 26, 31 ("Jacob's Dream")

Trio Vivente

Eigenart/Tacet 4 009850 102908
(68 Min., 2001) 1 CD

Als musikalischer Ottonormalverbraucher wird man bei Haydns Klaviertrios kaum einzigartige Manifestationen erwarten, sondern sich nette, standardisierte Werkchen vorstellen, die man als Hintergrundgeplätscher fürs Kochen oder Essen in den CD-Spieler legt. Wer solches auch mit den fünf Exemplaren der ersten Aufnahme des Trio Vivente vorhat, der sei gewarnt: das Kochergebnis wird ein Fiasko, denn das Hören lässt einen den Herd vergessen.
Zwar können (und wollen) die drei Damen den Divertimento-Charakter vor allem der Schlusssätze nicht leugnen; was sie gleichwohl in manchem Eröffnungsabschnitt und erst recht in den langsamen Mittelsätzen an harmonischem Reichtum und gehaltlicher Ernsthaftigkeit zu Tage fördern, das weist weit über jede unverbindliche Unterhaltung hinaus - nicht selten bis in Schubertsche Tiefenschichten. Haydn selbst wusste um die Qualität dieser während seiner beiden Londoner Reisen komponierten Kammermusik und verwendete manchen Satz sogar doppelt - bei ihm ein äußerst seltenes Vorgehen -, so etwa das Fis-Dur-Adagio von Nr. 26 in seiner Sinfonie Nr. 102.
Auch wenn dem Klavierpart mehr Gewicht als den beiden Streichern zukommt, so ziehen Anne Katharina Schreiber (Violine) und Kristin von der Goltz (Cello) daraus nicht den falschen Schluss der gestalterischen Zurückhaltung, im Gegenteil: ihr Spiel strotzt, wie das Schlussallegro der Nummer 18 beispielhaft zeigt, vor virtuosem Spielwitz und Detailgenauigkeit; und wie nahezu perfekt ihre ausgeklügelte Phrasierung mit derjenigen von Jutta Ernst am Klavier korrespondiert, das zeigt, dass auch ein noch junges Trio schon reifste Ensemblequalitäten vorzeigen kann.
Da alle drei Damen direkt oder indirekt mit dem Freiburger Barockorchester verbunden sind oder waren, weiß man, woher diese sprühende Lebendigkeit der Darbietung rührt. Bleibt angesichts der Ensembleherkunft nur die Frage: Warum keine zeitgenössischen Instrumente?! Ein Hammerflügel hätte womöglich noch mehr Dynamik-Farben in das an sich schon kontrastreiche Spiel Jutta Ernsts gebracht.
Ach ja, der seltsame englische Titel der Platte: Haydn stellt ihn dem recht konventionellen Kehraus seines 31. Trios voran. Soviel sei verraten: er zeugt vom boshaften Witz seines Schöpfers. Dass diese Frauen-Platte auch sonst viel mit Humor und Esprit zu tun hat, zeigt nicht zuletzt das Cover. Ob sich der alte Haydn, der alle Trios klavierspielenden Damen widmete, wirklich von einer derselben auf der Nase hat herumtanzen lassen, muss allerdings offen bleiben. Dem Ehegeschädigten würde ich es nicht wünschen.

Christoph Braun, 12.09.2002



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