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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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Joseph Haydn

Die Jahreszeiten

Marlis Petersen, Werner Güra, Dietrich Henschel, RIAS Kammerchor, Freiburger Barockorchester, René Jacobs

harmonia mundi HMC 801829.30
(125 Min., 8/2003)

Joseph Haydn leistete seinen maßgeblichen Beitrag zur Entwicklung der klassischen Tonsprache jahrzehntelang quasi am Rande des öffentlichen Kulturlebens als Hofkomponist der Familie Esterházy: Hier feilte er etwa am Innenleben der Gattungen Streichquartett und Sinfonie, hier reifte, u. a. in einer Reihe selten zu hörender Opern, auch die typisch klassische Art des Wort-Ton-Bezugs, bei dem innermusikalische Formgesetze wesentlich stärker die melodische Gestalt und die Phrasenbildung beeinflussen, als dies zuvor in der Musik des Barock der Fall gewesen war. Erst am Ende seines Lebens konnte Haydn, getragen vom Erfolg seiner beiden London-Tourneen, seine kompositorischen Errungenschaften einem breiten Publikum zu Gehör bringen; zu den weithin beachteten Werke dieser Spätzeit gehört auch seine beiden Oratorien “Die Schöpfung” und “Die Jahreszeiten”, mit denen Haydn dem Repertoire der gerade sich bildenden bürgerlichen Gesangsvereine zwei bis heute aktuelle Dauerbrenner bescherte.
An dieser Stelle sei ein Kritikpunkt - der einzige - an René Jacobs’ Neuaufnahme der “Jahreszeiten” angebracht: Bei der Uraufführung dieses Werks wirkten über hundert Choristen mit, bei weiteren Aufführungen immerhin noch sechzig, und das waren ohne Zweifel nicht überwiegend Profis; ihnen stehen in der vorliegenden Einspielung die 35 ausgebildeten und handverlesenen Sänger eines der derzeit besten Vokalensembles, des RIAS-Kammerchors, gegenüber. Selbstverständlich goutiert der Hörer dessen überaus homogenen, brillanten Klang, aber wie steht es in diesem Punkt mit der historischen Aufführungspraxis?
Als gleichermaßen mitreißend wie auch erhellend erweist sich die “authentische” Praxis auf instrumentaler Ebene: Ein vergleichsweise matter, dafür aber sehr kompakter und warmer Streicherklang integriert die im Vergleich zum modernen Instrumenten-Sound ebenfalls weniger zuckrigen und nicht so sehr auf höchste Durchschlagskraft fokussierten Farben der Blasinstrumente einerseits auf ideale Weise, wie etwa die langsame Einleitung des Chores “Ewiger, mächtiger, gütiger Gott” zeigt; andererseits treten die Charakteristika der einzelnen Instrumente und damit die Differenziertheit von Haydns Instrumentationskunst vielfach klarer hervor, was zu neuartigen Hörerlebnissen in scheinbar sattsam bekannten Nummern wie der Bassarie “Schon eilet froh der Ackersmann” führt.
Von den Solisten mischt sich vor allem Marlis Petersens mit ihrem gut in den Gesichtsresonanzen verankerten, gleichzeitig jedoch nicht überhellen, angenehm seidig timbrierten Sopran in dieses Klangkolorit. Dietrich Henschel präsentiert sich als stimmlich in positivem Sinne gereifter, von Fischer-Dieskau’schem Ausdrucksrepertoire noch immer nicht ganz freier Basssolist; Werner Güra erfreut einmal mehr mit seiner Fähigkeit, Stimmschönheit, Kantabilität und darstellerischen Impetus scheinbar mühelos unter einen Hut zu bringen.

, 28.08.2004



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