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Joseph Haydn

Sinfonien Nr. 91 und 92, Scena di Berenice

Bernarda Fink, Freiburger Barockorchester, René Jacobs

harmonia mundi HMC 90 1849
(69 Min., 2/2004) 1 CD

Er schreckt vor keiner Eindeutigkeit zurück, überrumpelt mit unerwarteten Attacken, hat vor noch so langen Pausen (in denen sich neue Spannung auflädt) keine Angst, lässt schönen, prallen Klang blühen, riskiert klangfarbensüchtig auch (mal) die Nähe zum näselnden Geräusch ("am Frosch"), und er ist dabei nie doktrinär wie manch anderer Kollege aus der historisch orientierten Branche: René Jacobs, einst der Sänger mit Sach- und Kunstverstand, mittlerweile der dirigierende Ensemble-Stratege. Architektonische Scharfzeichnung und vitale Entschiedenheit sind für ihn keine Widersprüche, eher zwei Seiten einer Medaille, mehr noch: Potentiale, die darauf aus sind, aneinander gesteigert zu werden. Dafür ist ein Dirigent da, auch wenn er von Haus aus Sänger ist - vielleicht gerade darum, weil er, Besitzer des Instrumentes Stimme, reichlich Körpernähe zu sich selbst erlebt hat.
Kurt Weill hat jenseits modischer Vergöttlichung einmal von Mozart gesagt, er sei immer Theatermusiker gewesen, auch dort, wo er keine Opern komponiert habe. René Jacobs, Bernarda Fink, das Freiburger Barockorchester - sie nötigen geradezu die Erkenntnis auf: Mit "Papa" Haydn verhält es sich ähnlich, und Haydn ist auch in seinem sechsten Lebensjahrzehnt ein Abenteurer auf Inselsuche, nur dass er, anders als Robinson, weiß, wie er hinkommt. Und zum Beweis, dass er Herr eines nur scheinbar düpierenden Spiels mit dem Zufall ist, lässt Haydn ganze Satzabschnitte noch einmal aufführen. Hier machen traditionelle Bauetappen wie Wiederholung und Reprise wirklich gesteigerten Sinn: Im erneuten Durchgang bestätigt sich, wie unerhört das gerade Erfahrene wirklich war.
Bernarda Fink singt die Szene der todbereiten Berenice so, als wollte sie Beethoven immer noch dazu bringen, Arien wie "Ah perfido" und "Abscheulicher" zu schreiben ( Haydns Berenice stand dazu ja Modell). Und Jacobs demonstriert mit seinem an allen Pulten exzellent und solo-qualifiziert besetzten Orchester, dass Haydn nach seinen Eszterháza-, Eisenstadt- und Paris-Erfahrungen aus dem ff wusste, wie man mit Instrumenten umgeht.

Karl Dietrich Gräwe, 19.03.2005



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