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Joseph Haydn

Die Klaviersonaten (Gesamtaufnahme)

Christine Schornsheim

Capriccio/Delta 49 404
(2003/2004) 14 CDs

Es gibt solche Fälle. Da denkt man vom ersten Takt an: Ja, das passt. Ohne an die Tücken der historischen Aufführungspraxis, an den vielbeschworenen "großen Bogen", an Rubati, Tempi usw. auch nur den geringsten reflektierenden Gedanken verschwendet zu haben. Wozu auch? Es passt einfach. Christine Schornsheim hat ein kleines Großunternehmen abgeschlossen, nicht nur sämtliche Sonaten von Joseph Haydn sind auf 13 CDs eingespielt, sondern auch etliche Variationenwerke haben noch Platz gefunden, und auf einer 14. CD ist die Pianistin im Gespräch mit RBB-Moderator Clemens Goldberg zu hören.
Weniger als Klassiker denn als Komponist des Rokoko tritt uns Haydn in den ersten Aufnahmen entgegen. Zu diesem Eindruck trägt als erstes bei, dass Christine Schornsheim fünf verschiedene "Claviere" verwendet hat, die das Instrumentarium der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts abbilden: vom Clavichord über zwei Cembali bis zu zwei Hammerflügeln. Diese Instrumente sind es auch, die den Eindruck klassischer Strenge, die ein moderner Flügel viel eher vermittelt, in den Hintergrund treten lassen und stattdessen das Lichte, das Verspielte und Fragile hervorheben. Zum zweiten folgt Schornsheim der Manier, die wiederholten Formteile der Sonaten auszuzieren, mal mehr, mal weniger, im ersten Moment vielleicht ungewohnt, aber durchaus reizvoll. Die Reihenfolge der Sonaten folgt nur vage der schlecht zu ermittelnden Chronologie, dafür sind allen CDs kleine Motti wie "Gesucht und erlesen" oder "Frauen am Clavier" vorangestellt. In den späteren Werken gelangt man zum Köstlichen - die bekannteren Sonaten des alten Haydn, die unter Schornheims Händen als subtile Meisterwerke erklingen.
Wer sich einmal an verschiedenen historischen Instrumenten versucht hat, weiß: Es geht nicht einfach darum, im richtigen Moment die richtige Taste zu drücken. Christine Schornsheim hat sich die Charakteristika der mechanisch manchmal schwierig zu behandelnden Instrumente mit einer Virtuosität angenommen, dass man immer wieder ins Staunen darüber gerät, was auf den alten Instrumenten noch - oder wieder - möglich ist. Das Booklet wie die Gesprächs-CD geben auch über die "Claviere" detailliert Auskunft und runden diese sehr empfehlenswerte Kassette ab.

Matthias Reisner, 07.05.2005



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