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Joseph Haydn

Pariser Sinfonien

Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt

DHM/Sony BMG 82876 60602-2
(186 Min., 12/2001, 6/2002)

Spannende Frage: Würde Nikolaus Harnoncourt den Coup, den er mit der Einspielung der frühen Mozart-Symphonien landete, am Beispiel von Haydns Pariser Symphonien wiederholen? Die Chancen standen nicht schlecht. Zwar stehen die 1785 und 1786 entstandenen Stücke nicht am Rande, sondern im Zentrum des Repertoires. Andererseits zeigen bereits die putzigen Tiernamen ("Der Bär" und "Das Huhn") mit denen das Publikum zwei der Werke vereinnahmte, dass die avantgardistische Seite des Sets durchaus der nachdrücklichen Neubetonung bedarf.
Eine solche Betonung scheint Harnoncourts Anliegen gewesen zu sein - ob ihm das immer historisch glaubhaft gelungen ist, hängt vom Blick des Betrachters ab. Einerseits liebte man die Symphoniebeginne in Paris damals "frappant" – und Harnoncourt nimmt das zum Anlass, überhaupt fast jedes der Tutti in den Ecksätzen auszunutzen, um den faszinierend neuartigen vollen Tuttiklang des reich besetzten Orchesters bewusst auszustellen. Der Hörer lernt dabei, dass der Weg von Haydn zu seinem Schüler Beethoven durchaus nicht so weit ist, wie man denken könnte. Allerdings kommt auch der Humor von Haydn, der nicht nur mit dem Gluckenmotiv von "La Poule" das Pathos bricht, bei Harnoncourt recht Beethovensch-bärbeißig daher. Da darf man sich schon fragen, ob Königin Marie Antoinette, die eine Bewunderin von Haydn war, nicht ganz so sehr vom Ausbrechen der französischen Revolution überrascht worden wäre, hätte sie die Werke zuvor mit Harnoncourt am Pult gehört.
Und dennoch: Auch wo man Harnoncourt nicht folgen mag, kann er noch überzeugen: Rhetorisch sitzt jede Phrase und beim mehrmaligen Hören macht sich positiv bemerkbar, dass der Dirigent seine Hörer nicht mit oberflächlichem Drive zu überreden sucht, sondern sich bewusst nach jedem Formabschnitt Zeit zum Atmen nimmt. Am verbindlichsten ist Harnoncourt in den Tanzsätzen der Menuette, die oft zu derben, aber lustvollen Tanzszenen ausgestaltet sind. Das Herz der Interpretationen aber schlägt in den expressiven Mittelsätzen, in denen sich der Dirigent neben Eindringlichkeit auch große Gelassenheit erlaubt. Dass so nicht nur der Mittelsatz von "La Reine", mit dem sich Marie Antoinette im Gefängnis tröstete, sondern auch die langsamen Sätze der Sinfonien Nr. 86 und 87 zu ergreifenden Monumenten werden, ist schon Coup genug.

Carsten Niemann, 04.06.2005



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