home

N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



Es bereitet auch heute noch Mühe, sich Joseph Haydn als Opernkomponisten vorzustellen. Obwohl wir aus vielen Instrumentalwerken seinen geistreichen Esprit kennen, auch seinen unmittelbar wirkenden Witz. Allerdings verlangt Haydn auch hierbei von Musikern und Dirigenten sehr viel, vor allem Präzision und einen ausgeprägten Sinn für klangliche Balance, für den Eigencharakter der Instrumente. Dass Haydn auch souverän mit der menschlichen Stimme umgehen kann, wissen wir auch aus seinen geistlichen Werken. Dass aber nun alles in einem Werk versammelt sein soll und dieses Endprodukt, eine komische Oper, in der Tradition und auch im Rang mit anderen Opern Schritt halten soll, dies erscheint eher abwegig. Warum sonst wird etwa seine Oper "Orlando Paladino" so gut wie nie aufgeführt? An der Musik kann es nicht liegen, wie Nikolaus Harnoncourt in seiner Aufnahme mit dem Concentus Musicus zeigt, und am mehrfach umgearbeiteten und verbesserten Libretto eigentlich auch nicht. Allerdings ist die hintergründige Liebesgeschichte, die auf einer Episode des damals noch geläufigeren Epos "Orlando Furioso" basiert, in ihrer Komik und all ihren Facetten möglicherweise in den letzten hundert Jahren nicht allgemein so zugänglich gewesen, wie dies etwa die Stoffe der Mozart-Opern waren, die auch an oberflächlicher Handlung noch genug Anhalts- oder Festhaltepunkte lieferten, um nicht gänzlich angewiesen zu sein auf unterschwellige Komik und hintergründigen Witz. Haydns Ritteroper nach Badinis Libretto mag da erst einmal zu platt daherkommen. Das Entscheidende aber passiert vielfach in der Musik. Welche Figuren Haydn karikiert, wie er dies bewerkstelligt, welche Charaktere er ernst anlegt, welche mehrschichtig - all dies steht oft nur in der Partitur. Und Nikolaus Harnoncourt ist sicherlich der richtige Mann, all dies aufzudecken und plastisch in Szene zu setzen. Man spürt seine Leidenschaft zu dieser geistvoll-psychologisierenden und dabei zutiefst humanen Oper, und diese seriös-radikale Leidenschaft überträgt er auf Musiker und vor allem: auf die Sängerinnen und Sänger. Sie sind schon in der Besetzung, unter anderem mit Patricia Petibon, Christian Gerhaher, Michael Schade und Markus Schäfer zielsicher daraufhin ausgesucht, hervorragende, aber unvoreingenommene, begeisterungsfähige junge Stimmen zusammen zu bringen. Insofern sind die Voraussetzungen für ein Gelingen schon einmal gegeben, und die Verwunderung etwas gedämpft, dass hier eine hervorragende, sicherlich länger gültige Aufnahme zustande kam.

Helmut Mauró, 16.06.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Zum Warmwerden: Von Tenören, die gerne auf der Rasierklinge zwischen Kunst und Kommerz reiten, ist es ja bekannt. Das aber auch Instrumentalisten „ihr“ Weihnachtsalbum aufnehmen, hat Seltenheitswert. Zumal, wenn es auch noch so glückt wie im Fall des Harfenisten Xavier de Maistre. Der verbindet gleich mehrere Programmideen. So ist dieses Album nämlich nicht nur Begleitmusik fürs Weihnachtszimmer, sondern auch eine Verneigung vor einem großen Kollegen unter den Konzertharfenisten, […] mehr


Abo

Top