Mit Matti Salminen als Bass-Schwergewicht, dessen vom Schicksal geschlagener Boris Godunow am seidenen Fäden hängt, kann man einfach nichts falsch machen. In bester Tradition, die von Martti Talvela über Boris Christoff und Nicolai Ghiaurow bis weit zurück zum übermächtigen Schaljapin reicht, kann Salminen immer jeden noch so riesigen Bühnenraum ausfüllen: mit seiner stimmschauspielerischen Präsenz, mit seinen Nuancen in den gequälten Seelenuntiefen. Regisseur Willy Decker richtete daher auch den Fokus ganz auf Salminen aus, als er die Urfassung von Mussorgskis Opernepos "Boris Godunow" 2001 für das Amsterdamer Opernhaus inszenierte. Von seinem Bühnenausstatter John MacFarlane ließ er lediglich einen riesigen Stuhl mitten auf die Bühne werfen - als einen schwer zu besteigenden Thron. Und wenngleich der (Volks-)Chor in den abgerissenen Jacken und Mänteln etwas von dem historischen Flair von 1917 vermittelt, ist Deckers Regie keine Rekonstruktion von Geschichte. Im Zentrum bleibt die grundsätzliche Frage nach den Verlockungen der Macht und ihren Nachbeben.
Der Mitschnitt vom Gastspiel der "Boris"-Produktion in Barcelona lebt somit von den sprachmusikalisch genau ausgeleuchteten Momenten, vom erschütternden Drängen und Flehen des Chores und nicht zuletzt von dem Dirigenten Sebastian Weigle, der auf wohltönende Transparenz statt auf bruitistische Überzeichnung Wert gelegt hat. In diesem psychologisch ausgereiften Porträt des Boris’ sind zudem seine Widersacher wie der heuchlerisch-hinterhältige Philip Landridge als Fürst Schuisky exzellent besetzt. Und Eric Halfvarson als Mönch Pimen klingt urwüchsig-füllig, kann seine Resignation mit zahlreichen Charakterfarben auskleiden und vor allem plausibel machen.

Guido Fischer, 22.09.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Es gibt zwei Arten von Variationswerken. Die einen machen ganz banal ihrem Namen alle Ehre und variieren etwas, in der Regel eine Melodie. Die anderen gehen darüber hinaus. In die erste Kategorie fallen unter anderem auch Werke prominenter Jubiläumskomponisten, die man getrost in der Schublade lassen kann. In die zweite Kategorie fällt eher wenig. Als Igor Levit sich 2015 den großen pianistischen Variationswerken widmete, durften zwei natürlich nicht fehlen. Klar, Beethovens […] mehr »


Top