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N° 1253
14. - 20.05.2022

nächste Aktualisierung
am 21.05.2022



Mit Matti Salminen als Bass-Schwergewicht, dessen vom Schicksal geschlagener Boris Godunow am seidenen Fäden hängt, kann man einfach nichts falsch machen. In bester Tradition, die von Martti Talvela über Boris Christoff und Nicolai Ghiaurow bis weit zurück zum übermächtigen Schaljapin reicht, kann Salminen immer jeden noch so riesigen Bühnenraum ausfüllen: mit seiner stimmschauspielerischen Präsenz, mit seinen Nuancen in den gequälten Seelenuntiefen. Regisseur Willy Decker richtete daher auch den Fokus ganz auf Salminen aus, als er die Urfassung von Mussorgskis Opernepos "Boris Godunow" 2001 für das Amsterdamer Opernhaus inszenierte. Von seinem Bühnenausstatter John MacFarlane ließ er lediglich einen riesigen Stuhl mitten auf die Bühne werfen - als einen schwer zu besteigenden Thron. Und wenngleich der (Volks-)Chor in den abgerissenen Jacken und Mänteln etwas von dem historischen Flair von 1917 vermittelt, ist Deckers Regie keine Rekonstruktion von Geschichte. Im Zentrum bleibt die grundsätzliche Frage nach den Verlockungen der Macht und ihren Nachbeben.
Der Mitschnitt vom Gastspiel der "Boris"-Produktion in Barcelona lebt somit von den sprachmusikalisch genau ausgeleuchteten Momenten, vom erschütternden Drängen und Flehen des Chores und nicht zuletzt von dem Dirigenten Sebastian Weigle, der auf wohltönende Transparenz statt auf bruitistische Überzeichnung Wert gelegt hat. In diesem psychologisch ausgereiften Porträt des Boris’ sind zudem seine Widersacher wie der heuchlerisch-hinterhältige Philip Landridge als Fürst Schuisky exzellent besetzt. Und Eric Halfvarson als Mönch Pimen klingt urwüchsig-füllig, kann seine Resignation mit zahlreichen Charakterfarben auskleiden und vor allem plausibel machen.

Guido Fischer, 22.09.2006



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