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N° 1236
15. - 21.01.2022

nächste Aktualisierung
am 22.01.2022



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Bernd Alois Zimmermann

Die Soldaten

Nancy Shade, Mark Munkittrick u.a., Staatsorchester Stuttgart, Bernhard Kontarsky

Arthaus/Naxos 100 270
(111 Min., 1989) PCM-Stereo; PAL 4:3

Nicht unbedingt auf nüchternen Magen zu genießen ist Bernd Alois Zimmermanns Oper "Die Soldaten", zumal in einer so hervorragenden Inszenierung wie der 1989 in Stuttgart verwirklichten, die hier auf DVD wiedergegeben ist. Bei aller Eindringlichkeit, die die gut gefilmte DVD-Version hat, vermittelt sie jedoch sicher nur einen milden Eindruck von dem Inferno, dem das Publikum im Opernhaus ausgeliefert war: Er sah sich nicht nur vom visuellen und akustischen Geschehen auf der doppelstöckigen Bühne und im Orchestergraben, sondern zusätzlich durch Lautsprecher und Videoleinwände bedrängt und eingekreist. Neben der schwierigen Partitur war auch der erforderliche multimediale Aufwand ein Grund dafür, dass Zimmermanns Zwölftonoper zur Zeit ihrer Entstehung (1958-1960) als unaufführbar galt und erst 1965 erstmals als Ganzes verwirklicht wurde.
Dass die Produktion eine beklemmende Wirkung ausübt, ist vor allem den hervorragenden Sängerdarstellern zuzuschreiben: Das gefallene Mädchen Marie und ihr Vater werden von Nancy Shade und Mark Munkittrick in stimmlich brillanter und schauspielerisch bis ins kleinste Detail ausgefeilter Art und Weise verkörpert. Stellvertretend für den Rest der ausnahmslos sehr guten Besetzung sei noch William Cochran in der Rolle des gewissenlosen Desportes genannt: Mit schier unerschöpflicher Kraft setzt er seine kraftvolle Tenorstimme zur Veranschaulichung der niederen Absichten und Triebe des Verführers ein.
Zwar hat das Thema "gefallenes und entehrtes Mädchen", das auf das zugrundeliegende Stück "Die Soldaten" von Jakob Michael Reinhold Lenz (1776) zurückgeht, heute an Brisanz eingebüßt, aber es ist Bernd Alois Zimmermann gelungen, auf dieser Basis die Dummheit und Verworfenheit von Menschen überhaupt eindrucksvoll zu porträtieren. Marie ist auch vor ihrem moralischen Sturz nicht symphatisch, sondern einfältig und eitel. An ihrem Abstieg zur Bettlerin im Spannungsfeld zwischen rohem Soldatenmilieu und biederem Zuhause ist sie keineswegs allein schuld; vielmehr verläuft das Geschehen mit jener brutalen Zwangsläufigkeit, die innerhalb einer jeden Gesellschaft immer wieder einige Menschen zerstört.

Michael Wersin, 30.05.2002



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