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N° 1237
22. - 28.01.2022

nächste Aktualisierung
am 29.01.2022



Geteilte Freude ist doppelte Freude, sollte man meinen. Wenn aber die Freude eines Mannes aus der einzigartigen Schönheit seiner Frau besteht, mit der er vor aller Welt reüssieren will; wenn der Mann die Frau nötigt, öffentlich ihren Schleier zu lüften, ihre Identität und damit Integrität preiszugeben; wenn er gar den Freund drängt, durch Tarnung an seiner statt der Frau nächtens beizuwohnen; und wenn diese schließlich am Morgen nach dieser herrlichsten aller Liebesnächte, vollends um ihre Würde gebracht, sich blutig rächt - dann ist der tragische Opernstoff perfekt.
Alexander Zemlinsky hat die antike Novelle um König Kandaules, seine Frau Nyssia und seinen Freund, den Fischer Gyges, in der von André Gide verfassten, vom Berliner Bohemien Franz Blei 1905 ins Deutsche übertragenen Dramenversion vertont und als halbfertiges Opus 1938 mit in die US-Emigration genommen. Auf Anraten von Freunden, die einen Skandal bei der “handfesten” Liebesszene des zweiten Aktes befürchteten, wandte sich der zeit seines Lebens vergeblich um Anerkennung ringende Zemlinsky anderen Projekten zu, und so blieb seine letzte Oper, Summe eines zwischen den Stühlen von Spätromantik, Bi- und Atonalität angesiedelten Personalstils, unvollendet.
Der Mitschnitt der letztes Jahr an der Hamburgischen Staatsoper unter Gerd Albrecht zuwege gebrachten, von Antony Beaumont vervollständigten Erstaufführung zeigt die ungemein schillernde, zwischen erotisch-laszivem Glitzer und archaischer Strenge changierende Orchestersprache Zemlinskys. Direkt atemberaubend in ihrer Dramatik, gleichermaßen “Elektra” wie “Lulu” ebenbürtig, wirken die Schlüsselszenen, die Liebesnacht und fatalistische Schlussszene. Mit Monte Pederson als Gyges und Nina Warren als Nyssia sind ebenso stimmgewaltige wie expressive Charakterdarsteller zu hören. James O’Neals Kandaules-Tenor muss mitunter gegen das höchst agile Orchester ankämpfen. Dies tut jedoch der musikgeschichtlichen Bedeutung dieser weiteren Zemlinsky-Hommage Gerd Albrechts keinen Abbruch.

Christoph Braun, 31.03.1997



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