Ausgerechnet ein Italiener hat mit der Tragédie Lyrique eine originär französische Opernform kreiert - gewissermaßen die Tragödie des Sprechtheaters mit Musik ausgestaltet. Zwei Jahre vor seinem Tod schuf Lully, Günstling und Komponist des Sonnenkönigs, seinen "Roland". Im dem Ausschnitt aus Ariosts Renaissance-Text vom "Rasenden Roland" geht es den Helden Roland, der ausrastet, als er die Gewissheit hat, dass seine Liebe zu Angélique nicht erwidert wird und diese den mittellosen Médor vorzieht (Bühnenanweisung: reißt Bäume aus und schleudert Felsbrocken). Roland wird jedoch geheilt und zieht wieder aus, um Ruhm zu ernten.
Im spezifisch französischen Wechsel von erzählenden und reflektierenden Gesangsabschnitten, in denen viel Text verarbeitet wird, stechen besonders die innigen Duette, Ensembles und Chöre hervor: kompositorisch wie interpretatorisch grandios das Liebesduett Médor-Angélique in Chaconne-Form am Ende des 3. Aktes, die anschließende Chaconne mit Chorbeteiligung und schließlich die kurze und intensive Szene Ende des 4. Aktes, in der der Wut entbrannte Roland zur Hochform aufläuft.
Wie schon bei früheren Operneinspielungen der Talens Lyriques hat sich die Produktion im Umfeld von szenischen Aufführungen bewährt: Sänger wie Instrumentalisten nehmen die Bühnenatmosphäre ins Studio mit, dialogische Passagen geraten lebendiger und das mit ausgewogenem Klangbild und guter Textverständlichkeit - das vorbildlich gestaltete dreisprachige Libretto erleichtert die Orientierung.
Die Talens Lyriques und Rousset gestalten die bisweilen etwas langatmigen rezitativischen Passagen spannend, bisweilen leicht schwebend, sorgen in den illustrativem Szenen wie jener vom entfesselten Roland für Verve und Drive. Neben dem kräftigen Bass von Nicolas Testé und den Darstellern des Liebespaars ist besonders die beinahe ätherische Darstellung der Fee durch Salomé Haller hervorzuheben.

Peter Overbeck, 17.07.2004



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