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Franz Liszt

La notte, Schlummerlied im Grabe, Zweite Elégie, Am Grabe Richard Wagners u.a.

Jos van Immerseel, Sergei Istomin

ZigZag/Note 1 040902
(67 Min., 1/2004) 1 CD

Alles, was Franz Liszt vor seinen mittleren Schaffensjahren komponierte, war für ihn eine "exubérance de coeur", ein einziger Überschwang des Herzens. Sein Spätwerk hingegen spiegelte nach Liszts eigenen Worten nur noch die "amertume de coeur" wider, die Bitternis des Herzens. Mit hochgespannten Akkord- und gespensterhaften Chromatikgebilden gab Liszt ihr den entsprechenden Ausdruck. Und die bei aller Schmucklosigkeit und resignativen Stimmung dennoch eine musikpsychologische Modernität besaß. Die vorrangig aus den 1880er Jahren stammenden Werke für Solo-Klavier sowie für Violoncello und Klavier, die Jos van Immerseel und Sergei Istomin eingespielt haben, sind daher auch nichts für schwache Nerven oder gar trübsinnige Abendstunden. Allein, weil das historische Instrumentarium (Erard-Pianoforte sowie ein Cello von 1897) diesen leidenden Stücken oftmals noch mehr die Luft abschnürt, an der es ihnen ja sowieso schon mangelt.
So liegt denn auch ein ständiger Todesschleier über den symbolistisch wirkenden Dissonanzen, mit denen Liszt sich von seinem Freund Wagner verabschiedete. Und wenn Immerseel für "Unstern! Sinistre, Disastro" glatte zwei Minuten länger benötigt als der Engländer Paul Lewis auf seinem erst kürzlich veröffentlichten Liszt-Recital, spricht das Bände über den schwermütigen Tombeau-Charakter der Einspielung. Weshalb nur selten die harmonischen Reibungen und Quartenschritte das 20. Jahrhundert der Debussys und Messiaens ankündigen. Immerhin schlägt der Wille zur Authentizität bisweilen andere Bögen in die Zukunft. Wie in "La Notte", bei der die Tremoli und die abgeschliffene Opulenz des Pianofortes perfekt als Stummfilmbegleitung zu Friedrich Wilhelm Murnaus "Nosferatu" hätte herhalten können.

Guido Fischer, 19.03.2005



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