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Franz Liszt

"Via Crucis", Harmonies Poétiques et Religieuses (Auszug)

Brigitte Engerer, Accentus, Laurence Equilbey

Naïve/harmomia mundi V 5061
(58 Min., 4/2006) 1 CD

Statt wie beabsichtigt mit Werken wie "Via Crucis" die katholische Kirchenmusik zu erneuern, verschwanden diese für etwa 100 Jahre erst einmal weitgehend aus dem Musikleben. Franz Liszts Musik, gerade die seiner späten Lebensjahre, war für derartige Zwecke unmöglich populär genug und wird es auch nie werden. Umso mehr gibt es bei diesem ewig suchenden Avantgardisten zu entdecken.
1879 vollendete Liszt seine Vertonung des Kreuzwegs Jesu für Klavier, Soli und Chor, doch erst 1929 wurden die 14 Szenen in Budapest uraufgeführt. Als avantgardistisch lassen sich etliche Stilmittel charakterisieren, einmal die collageartige Zusammenstellung verschiedener Stile: Hans Leo Haßlers "Mein G’müt ist mir verwirret …" (als "O Haupt voll Blut und Wunden" im evangelischen Kirchengesang bekannt) findet sich Seite an Seite mit ambrosianischem Gesang und natürlich Liszts eigenen Schöpfungen. Letztere stehen im Ausdruck von Ausweglosigkeit und Schmerz oft vor dem Verstummen – die karge Melodie zögert oft, reibt sich gewissermaßen in chromatischen Wendungen – wie in der 13. Station – auf. Kein Komponist ist vor Liszt so an die Grenzen musikalischer Möglichkeiten gegangen.
Vorangestellt sind drei der "Harmonies Poétiques et Religieuses", die eine etwas andere Seite von Liszts Religiosität beleuchten. Sie mögen heute vielleicht stellenweise schwülstig wirken, aber keineswegs gleiten sie in die Nähe des Kitsches ab: Viel zu reflektiert und künstlerisch ausgefeilt sind diese Klangwelten, viel zu experimentell auch hier die Harmonien – Debussy ist nicht weit.
Laurence Equilbey gelingt mit dem Ensemble Accentus eine unbedingt empfehlenswerte Einspielung. Expressivität und Ernsthaftigkeit, wie sie das Sujet erfordert, charakterisieren die Haltung der Interpreten. Der Chor agiert feinfühlig, und die Solisten – unter anderem Cyrille Gautreau als Pilatus und Pierre Corbel als Jesus – setzen souverän Akzente. Auch das Klavier hat eine große Rolle, und Brigitte Engerer zeigt hier wie in den "Harmonies Poétiques", dass sie die exzentrischen Klangwelten Liszts ganz von innen heraus begreift und umsetzt, mit Virtuosität wie mit Stilgefühl.

Matthias Reisner, 30.06.2007



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