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György Ligeti, Per Nørgård

Violinkonzert, Helle Nacht, Sonate "The Secret Melody"

Christina Åstrand, Dänisches Radio-Sinfonieorchester, Thomas Dausgaard

Chandos/Koch 9830
(67 Min., 3/1999, 5/1999) 1 CD

Nicht umsonst ist György Ligetis 1992 vollendetes Violinkonzert in den wenigen Jahren seines Bestehens bereits zum Repertoirestück geworden. Dem Geiger bietet es die Möglichkeit zur glanzvollen Zurschaustellung seiner Virtuosenkünste, und das, ohne dass er sein Instrument mit Klopfen, Kratzen oder sonst einem früher einmal als avantgardistisch geltenden Schnickschnack malträtieren müsste. Ja, er darf sich sogar als Komponist betätigen, denn die große Kadenz des letzten Satzes kann nach dem Willen Ligetis vom Solisten improvisiert werden - wie in alten Zeiten. Christina Åstrand spielt hier allerdings die gedruckte Kadenz von Saschko Gawrilow, der das Werk uraufgeführt hat.
Der Hörer hat allerhand Nüsse zu knacken, doch stets auf kurzweilige Weise. Ligeti spielt mit musikalischer Mehrdimensionalität; es klingt gelegentlich wie ein musikalisches Vexierbild - je nachdem, welcher Ebene man lauscht, kommt ein anderes Werk zum Vorschein. Es gibt einfache, klare Melodien, die jedoch durch ungewöhnliche Stimmung der Instrumente und die verwaschene Klanglichkeit wie in einem Zerrspiegel erscheinen.
Gerade dieses Element der Mehrdimensionalität ist es, das in dieser neuen Einspielung leider zu kurz kommt. Der Solistin Christina Åstrand ist dies am wenigsten anzulasten; sie wählt einen anderen, emotionaleren und weniger analytischen Weg als Gawrilow in seiner Aufnahme mit Boulez (DG), und hat auch das technische Rüstzeug, um damit zu überzeugen. Doch die vielschichtigen Ebenen und rhythmischen Strukturen des Werks verschwimmen in einem viel zu halligen, diffusen Klangbild, das höchstens ahnen lässt, wie viel kostbare Details in der Komposition stecken.
Wegen der beiden Werke Per Nørgårds ist die Aufnahme trotzdem zu empfehlen. Auch Nørgård spielt in seinem Violinkonzert "Helle Nacht" mit verschiedenen übereinandergelagerten Dimensionen, doch klingt seine Musik viel samtiger, weicher als die Ligetis, fast romantisch, aber auch mit Elementen unterschwelliger Bedrohung durchsetzt. Christina Åstrand erweist sich für dieses Werk ebenso als ideale Interpretin mit einer Vielzahl an Klangschattierungen wie für die Solosonate "The Secret Melody", ein sensibles, melodisches, gelegentlich fast volkstümliches Werk, in der das eigentliche Hauptthema - der Titel verrät es - zwar angedeutet, aber nie gespielt wird.

Thomas Schulz, 07.09.2000



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