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Mauricio Kagel

Die Stücke der Windrose

Schönberg Ensemble Amsterdam, Reinbert de Leeuw

Winter & Winter/Edel 910 109-2
(57 Min., 4/1997, 5/1997) 1 CD

Wenn Europäer sich mit nicht-europäischer Musik anlegen, wird es oft unfreiwillig komisch, bisweilen absurd. Vor so einem modischen Abmühen mit dem Fremden und dessen dekorativem Glattbügeln hat wenigstens Mauricio Kagel schon immer gewarnt - als er beispielsweise vor 30 Jahren mit dem Stück "Exotica" klassisch ausgebildeten Musikern ein Sammelsurium außereuropäischer Instrumente in die Hände drückte. Dieses farcehafte Aneinanderreihen der verschiedenen Idiome entsprang schon damals einem produktiven Zweifel an der Möglichkeit von Authentizität - dem Kagel bis heute mit seinen Eulenspiegelfechtereien immer wieder ein Bein stellt. Wie in dem achtteiligen Zyklus "Die Stücke der Windrose", von denen Reinbert de Leeuw mit dem Schönberg Ensemble die Stücke "Südwesten", "Norden" und "Westen" eingespielt hat.
Die zwischen 1988 und 1994 entstandenen Werke sind auf den ersten Blick als musikalische Expedition in alle Himmelsrichtungen durchaus ernst gemeint. Nur kommt es bei diesen Wanderungen auf den Längen- und Breitengraden auf den geografischen Standpunkt an. So beginnt der "Südwesten" an der mexikanischen Westküste, alsdann überquert man die Fidschi-Inseln und landet in Neuseeland. Mit Instrumenten wie der Schlitztrommel oder dem Muschelhorn. Mit munterer Hinterlist maskiert Kagel so die folkloristische Syntax im Klangbild eines Salonorchesters, verschluckt die bizarr charmante Kunst- die Gebrauchsmusik und umgekehrt. Zumal die Musiker in diesem Dickicht der panoptischen und polyphonen Klanggesten sich genügend Auslauf gönnen, um die Eigentümlichkeiten der Ferne zu vergrößern. So mutieren im "Westen" Rag und Blues zu einem furios subversiven Gebräu, bei dem der Takt auf einem Baumstamm angeschlagen wird. Über die Wurzeln der afroamerikanischen Musik hat zumindest noch keiner so vergnüglich und vor allem handfest aufgeklärt wie Mauricio Kagel.

, 01.01.1970



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