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Charles Koechlin, Claude Debussy

Chansons bretonnes op. 115, Cellosonate op. 66

Peter Bruns, Roglit Ishay

hänssler Classics CD 98.258
(53 Min., 4/2006) 1 CD

Begehrter Pariser Konservatoriumslehrer, von berühmten Kollegen hochgeschätzter Komponist von gut 200 Werken (von denen etliche noch nicht einmal veröffentlicht sind), Naturwissenschaftler, Sozialist, Kenner des Mittelalters ebenso wie der modernen Filmkunst: Dass der 1950 im Alter von 83 Jahren verstorbene Charles Koechlin, Sohn gebürtiger Elsässer, eine höchst facettenreiche Persönlichkeit war, spricht sich hierzulande erst seit etwa zehn Jahren herum. Maßgeblichen Anteil daran hat die hänssler-Edition, die nun mit einer weiteren Entdeckung aufwartet. Von mittelalterlichen Reminiszenzen künden die hier erstmals vollständig eingespielten bretonischen Chansons für Cello und Klavier "sur des thèmes de l‘ancien folklore", die der stilistisch kaum etikettierbare Koechlin 1931 niederschrieb und in drei Bänden ordnete (von denen der letzte noch unveröffentlicht ist). Die meisten der 20 Miniaturen, die auf Balladen der "Barzaz Breiz", der 1837 veröffentlichten "Poetischen Schatzkammer der Bretagne", fußen, sind von einfacher modaler oder pentatonischer Struktur und ihrem Sujet entsprechend von herb-melancholischem, mitunter morbidem Charme, geht es doch um Kreuzzüge, Kriege, Hungersnöte und "weltliche" wie klösterliche Umgangsformen, unter denen vor allem Frauen zu leiden hatten. Dass den Hörer gleichwohl keine Depressionen beschleichen, liegt zum einen an den wenigen aufgehellten Balladen wie "Le Vin des Gaulois" oder "Le Baron de Jaouioz", deren Geschichte Koechlin bezeichnenderweise umdeutete, indem er nicht die schändliche Missetat jenes Barons nachzeichnete, sondern die Anmut seines Opfers, eines jungen Mädchens, in zart-versonnene Klänge goss. Vor allem aber schlägt das gleichermaßen empfindsame wie emphatische Duospiel von Peter Bruns und Roglit Ishay den Hörer in den Bann. Dank Bruns‘ blutvollem, jedoch nie dick auftragenden Tons kann die von Koechlin einfühlsam adaptierte mittelalterlich-bretonische Seele hier einen betörenden Gesang anstimmen. In versonnene, ätherische Gefühlswelten führt die 1917 komponierte dreisätzige Cellosonate op. 66, die mit ihrer polyrhythmischen und polytonalen Faktur allerdings weitaus größere Anforderungen an Spieler und Hörer stellt. Wie souverän der Leipziger Hochschullehrer und seine israelische Partnerin technisch wie auch gestalterisch zu Werke gehen, zeigt nicht zuletzt ihre "Zugabe", die zwei Jahre zuvor geschriebene, ebenfalls zwölfminütige, polytonale Cellosonate Debussys. Vom Irrlichternen über das Ironisch-Ausgelassene bis zum "Iberia"-Kolorit: Debussys Ausdruckspalette könnte plastischer kaum präsentiert werden als vom Duo Bruns/Ishay. Entdeckerruhm allerdings gebührt seinen "Chansons bretonnes".

Christoph Braun, 02.03.2007



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