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Leoš Janáček

Tagebuch eines Verschollenen, Klavierwerke, Mährische Volkslieder u.a.

Ian Bostridge, Thomas Adès, Ruby Philogene u.a.

EMI 5 57219 2
(57 Min., 2/2000, 4/2001) 1 CD

Es gibt höchst eigenartige, unverwechselbare Gewächse im Garten der Musikgeschichte, die so gar nicht in ihre Umgebung passen. Leos Janácek war ein solches Gewächs. Der Sammler böhmisch-mährischer Volkslieder komponierte Jahrzehnte lang sozusagen im stillen Kämmerlein in Brünn - bis 1916, als der mittlerweile 62-Jährige mit der Prager Aufführung seiner 1903 vollendeten Oper "Jenufa" plötzlich über die Landesgrenzen hinaus berühmt wurde. Eine solche Tonsprache hatte die musikalische Welt noch nicht vernommen: rauh, abrupt, von kürzester Prägnanz, zugleich emphatisch zu intensiver Schönheit aufblühend.
Vom selben aufwühlenden Duktus zeugt das zwischen 1916 und 1918 entworfene "Tagebuch eines Verschollenen" - ein Zyklus von 21 Liedern und einem Klaviersolo, deren Text Janácek im Mai 1916 in einer Brünner Tageszeitung kennenlernte. Der (bis 1997 unbekannt gebliebene) autodidaktische Autor Josef Kalda erzählt darin die Geschichte eines Bauernburschen, der, von einer "schwarzen Zigeunerin" verführt, Haus und Hof aufgeben und seine geliebte Heimat für immer aufgeben muss.
Was aber, so könnte man verstört fragen, hat ein 62jähriger Komponist mit diesem Sujet zu schaffen?! In Kamilla Stösslová, der 38 Jahre jüngeren Tochter eines Brünner Antiquitätenhändlers, lernte Janácek im Juli 1917 seine eigene "schwarze Zigeunerin" kennen. Janácek schrieb ihr nicht nur 722 Briefe, alle fortan konzipierten Kompositionen, auch und gerade das "Tagebuch", entspringen mehr oder minder direkt dieser weitgehend unerwidert gebliebenen Liebe, diesem "emotionalen Feuer", wie Janácek seiner Angebeten bekennt.
In Ian Bostridges und Thomas Adès' Originalversion des Zyklus lodert dieses Feuer von Anfang an. Ähnlich "fiebrig" ist allenfalls die ältere Darbietung Ernst Haefligers und Rafael Kubeliks zu nennen, deren deutsche Version allerdings gegenüber dem Original etwas hölzern klingt; ob wiederum Bostridge den tschechischen Dialekt, in dem Kalda den Zyklus verfasst hat, lautgetreu wiedergibt, vermag ich nicht zu beurteilen.
Mit seinem hellen und höchst beweglichen Tenor erklimmt Bostridge nicht nur Janáceks schrecklich anspruchsvolle Höhen (obwohl der Komponist selbst die Erstfassung nach "unten" korrigierte, endet das Werk noch auf einem hohen "cis"); vor allem steuert er hier im Unterschied zu seinen allzu fragilen Schubert-Exegesen (siehe Rezension) eine gehörige Portion Dramatik bei, sodass der Operncharakter dieses Zyklus deutlich wird - von Bühnen-Nähe zeugt schon rein äußerlich die Tatsache, dass Janácek nicht nur den "Helden" Janícku, sondern auch seine Verführerin Sefka (Ruby Philogene) und drei "Hintergrund"-Sängerinnen in einigen Liedern auftreten lässt.
Dass der Klavierpart gleichberechtigter Erzähler, vielleicht gar der eigentliche (Charakter-)Darsteller ist, zeigt Thomas Adès auf betörende Art: rhythmisch prägnanter, kontrastreicher in der Dynamik, mal rabiat, mal herzergreifend, lässt sich Janáceks eigenwillige, zwischen Kirchentonarten und Pentatonik changierende Tonsprache kaum wiedergeben. Auch die miniaturhaft kurzen, wortlosen Mährischen Volkslieder zeugen von dieser Maßstäbe setzenden Janácek-Exegese.
Bleibt noch der köstliche Druckfehler in der deutschen Lied-Übertragung: der schönen Sefka hingen wohl nicht "schwarze Töpfe", sondern "Zöpfe" bzw. Locken (tresses) "über den Busen".

Christoph Braun, 31.01.2002



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