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Carl Nielsen

Sinfonien Nr. 4 und 5

Dänisches Radio-Sinfonieorchester, Michael Schønwandt

Dacapo/Naxos 7 30099 98562 8
(75 Min., 10/1999, 11/1999) 1 CD

Die Leerformel "nordische Schwermut", mit der skandinavische Musik mangels Kenntnis derselben gern belegt wird, trifft für den Dänen Carl Nielsen noch weniger zu als für andere Komponisten dieses Kulturkreises. Eine klarere und frischere Musik als Nielsens sechs Sinfonien ist in diesem Jahrhundert nicht geschrieben worden. Nielsen war ein Klassiker, der mit den um die Wende zum 20. Jahrhundert grassierenden Auflösungstendenzen nichts zu schaffen hatte. Trotzdem gelangte er in seinen späteren Werken, etwa ab der Vierten Sinfonie, zu völlig neuartigen Formulierungen formaler wie auch tonaler Art, und dies völlig unabhängig von der europäischen Avantgarde. Nielsen schuf sich seine eigene Moderne, unter konsequenter Umgehung der Spätromantik.
Die Vierte Sinfonie ist aufgrund ihres eingängigen Themas, der packenden Dramatik ihrer Tonsprache, vielleicht aber auch wegen ihres Titels "Das Unauslöschliche" ("Musik ist Leben und unauslöschlich wie dieses" sagte Nielsen dazu) am populärsten geworden. Die 1922 vollendete Fünfte trägt jedoch noch individuellere Züge, sowohl in der ungewöhnlichen formalen Gestaltung in zwei Sätzen als auch in der zukunftsweisenden Dramaturgie vor allem des ersten Teils. Auf dessen Höhepunkt schichten sich verschiedene motivische Ebenen wie Steinquader übereinander, während eine improvisierende kleine Trommel (wohl der erste Fall von Aleatorik!) die Musik um jeden Preis stören will. Eine solche Collagetechnik ist erst Jahrzehnte später wieder angewandt worden. Doch wirkt sie nicht als aufgesetztes Experiment, sondern dramatisch völlig schlüssig. Alles an dieser Musik ist pure, vibrierende Energie.
Michael Schønwandt legt hier eine Referenzaufnahme vor, die selbst Herbert Blomstedts Einspielung bei Decca, die bisherige erste Wahl, in den Schatten stellt. Zwar fehlt dem Dänischen Radio-Sinfonieorchester ein wenig die stählerne Brillanz der Konkurrenz aus San Franzisko, doch finden die Dänen viel mehr Wärme in der Musik ihres Landsmanns. Schønwandts Interpretation ist wunderbar homogen und organisch, stellt die Logik des musikalischen Verlaufs über den oberflächlichen Effekt, unterspielt aber keineswegs die durchaus vorhandenen brutalen Züge der Musik. Hinzu kommt, dass er sich der kritischen Edition der Nielsen-Gesamtausgabe bedient. Ein wunderbares Plädoyer für einen großen Sinfoniker.

Thomas Schulz, 22.06.2000



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