Responsive image
Jacques Offenbach

Coscoletto

Mojca Erdmann, Yoo-Chang Nah, Mechthild Georg, Thomas Dewald u.a., WDR Rundfunkorchester, Helmuth Froschauer

Capriccio/Delta Music 60 121
(81 Min., 5/2001, 6/2001) 2 CDs

Auch in Zeiten, als Gicht und Rheuma Jacques Offenbach zu schaffen machten, brodelte es ihm in den Fingern. Besonders in Bad Ems, wo er sich bis 1870 regelmäßig aufhielt, um sich auszukurieren. Statt sich einen Kurschatten anzulachen, komponierte er lieber für örtliche Theater. 1865 wurde dort seine zweiaktige Opéra comique "Coscoletto" uraufgeführt, für die die beiden Librettisten Charles Nuitter und Etienne Tréfeu eine neapolitanische Liebes- und Verwechslungskomödie zusammengestrickt hatten. Rund um die Titelfigur, einem ausgemachten Hallodri und Müßiggänger, sind alle in Aufruhr: Intrigen und zuletzt der Vesuv machen ihm zu schaffen. Musikalisch legte Offenbach dafür aber nicht den Schalter um, er versuchte sich erst gar nicht an Canzonetten-Parodien. Vielmehr machte er sich an die Routinearbeit, nachdem er ein Jahr zuvor mit der "Belle Hélène" seine erste große Rakete in Paris gezündet hatte und 1866 mit "Barbe-Bleue" und "La vie parisienne" nachlegen sollte. Von der Uraufführungspartitur ist das französische Libretto leider verloren gegangen, warum man für die aktuelle "Coscoletto"-Produktion auf die deutsche Übersetzung von Julius Hopp zurückgreifen musste. Diese trägt aber nicht die Alleinschuld an einem jetzt überaus blassen, geradezu peinlich biederen Offenbach.
Dass die Dialoge genauso wenig Humor, gar Esprit besitzen wie das WDR Rundfunkorchester unter der Leitung von Dirigent Helmuth Froschauer, ist der ganz und gar aseptischen Studioatmosphäre anzukreiden. Man hätte es ahnen können. Besonders wenn man an das Vorbild des genialen französischen Offenbach-Zündmeisters Marc Minkowski denkt, der vorrangig auf Livemitschnitte setzt, um den Theaterfunken überspringen zu lassen. Offenbach aber hinter verschlossen Türen - das kann nicht funktionieren. Und erst recht nicht, wenn Offenbach kaum brauchbare Pointen setzt, mit denen die Sänger auftrumpfen können. So verliert sich allein das Couplet "Mein treuer Pinscher" samt Hundegekläffe in absoluter Harmlosigkeit, entschärft Mojca Erdmann als Coscoletto die finale Vulkan-Szene mit soubrettenhafter Überdrehtheit. Schade.

Guido Fischer, 01.04.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Gab es einen größeren Goethe-Verehrer unter den Komponisten als Ludwig van Beethoven? Den Poeten lernte Beethoven 1812 kennen, da hatte er sich von dessen Werken schon längst zu eigenen Kompositionen inspirieren lassen, vor allem zu einer ausgedehnten Bühnenmusik zum Trauerspiel „Egmont“. Eine geniale Mischung aus Poesie bzw. poetischer Andeutung und musikalischer Ausgestaltung, aus Worten und Klang. Diese Musik habe er „bloß aus Liebe zum Dichter geschrieben“, meinte Beethoven in […] mehr »


Top