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Charles Ives

Lieder, Concord-Sonata

Susan Graham, Pierre-Laurent Aimard

Warner 2564 60297-2
(79 Min., 11/2003, 1/2004)

Flexibilität wird erwartet, von den Interpreten wie vom Hörer. Susan Graham hat es in den 17, meist sehr kurzen Songs in erster Linie mit Gesang, gelegentlich aber auch mit Pfeifen und Rezitation zu tun, und das in einer stilistischen Bandbreite, die von Anklängen an Jazz und Unterhaltungsmusik bis nahe an die Atonalität reicht. Oft war Ives sein eigener Texter, sonst greift er gern auf Gedichte aus dem Umfeld des Geisteslebens in Concord, Massachusetts, zurück - womit die Verbindung zur "Concord-Sonate" geschaffen ist. Trotz des Stilpluralismus hat man den Eindruck, dass es so etwas wie eine durchgehende Linie gibt, dass hier nichts auseinander bricht, vielleicht, weil Ives die dargebotene Vielfalt immer durch seine Individualität gesehen hat.
Den Interpreten gelingt es ebenfalls, diese Linie umzusetzen. Susan Grahams warme, sympathische Stimme scheint wie geschaffen für das Vexierspiel zwischen Ironie, Scherz und Ernsthaftigkeit, die aus den Texten und der Musik sprechen. Der ausgezeichnete Pierre-Laurent Aimard ist ein immer mitdenkender Begleiter, und seine darauf folgende Einspielung der "Concord-Sonata" wird sicher Maßstäbe setzen. Ives hat diese groß und umfassend angelegte Sonate für den bzw. die Ausführenden sehr offen gelassen, in großen Teilen fehlt die Einteilung in Takte, und im ersten und vierten Satz besteht die Möglichkeit, an zwei kurzen Episoden eine Bratsche bzw. eine Flöte einzusetzen. In dieser Aufnahme unterstützen Tabea Zimmermann (Bratsche) und Emmanuel Pahud (Flöte) den Pianisten.
Es ist also pointiert formuliert das Verhältnis des Individuums (Interpret) zu den gesellschaftlichen Regeln (dem Notentext), aber auch zu Autoritäten (Beethoven-Zitate), das neben anderen Themen die Philosophen von Concord beschäftigte und das Ives in seinem Werk quasi mitdiskutiert hat. Aimard hat diese Diskussion sehr überzeugend in eine Aufnahme gegossen, nicht nur in pianistischer Hinsicht, sondern weil es ihm gelingt, zu dem relativ offenen Beitrag von Ives einen schlüssigen eigenen Beitrag zu liefern. Alles, auch entlegene Stilzitate und Anspielungen, wirkt als logischer Teil eines teatrum mundi. Aimards Interpretation ist zudem lebendig und anschaulich, ja gefühlvoll und impulsiv und fern von akademischer Trockenheit.

Matthias Reisner, 22.06.2004



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