Responsive image
Johann Sebastian Bach

Johannes-Passion

Michael Schade, Matthias Goerne, Juliane Banse, Ingeborg Danz, James Taylor, Andreas Schmidt

Hänssler/Naxos 4 010276 015758
(143 Min., 03/1996) 2 CDs

Sind Bachs Passionen Handlungsdramen oder Leidensmeditationen? Von den verschiedenen Textschichten und musikalischen Formen her betrachtet wohl beides. Rillings vier Jahre alte, nunmehr in der "Edition Bachakademie" veröffentlichte "Johannes-Passion" weist eindeutig in Richtung Drama.
Schon die scharfen Akzentsetzungen, die drängende Ungeduld, der herrische Gestus des Eröffnungschores legen das nahe. Damit hebt Rilling auf bestechende Art das Paradox auf, das Bach dem Interpreten dieses Beginns mitgegeben hat: den "Ruhm unseres Herrschers" in Moll, also im Tongeschlecht des Passionsleidens zu preisen. (Im Schlusschoral erst erscheint dann die Dur-Apotheose). In den zügig und schnörkellos vorgetragenen Chorälen, erst recht in den fulminanten Turba-Chören findet diese mitreißend-herbe Bach-Sicht Rillings ihre Fortsetzung. Selbst im gefühlvollen Schlusschoral der "lieb Engelein" kommt keine keine falsche Sentimentalität auf.
In Michael Schade hat Rilling den passenden Evangelisten zur Seite: vortrefflich klar in der Artikulation, hell und mühelos in der Intonation, ungemein flexibel in der Gestaltung des Evanglientextes. Zwiespältig hingegen ist der Eindruck, den Matthias Goerne mit seinem (allzu?) pathoserfüllten Christus hinterlässt. Ingeborg Danz vereint ebenso wie James Taylor und Andreas Schmidt Ausdrucksintensität mit Koloraturwendigkeit - ein Idealfall für Bachs Arienanforderungen. Demgegenüber setzt Juliane Banse mitunter zuviel Vibrato ein. Analoges gilt leider auch für den Chorsopran - was die fabelhafte Gesamtleistung der Gächinger Kantorei aber kaum schmälert. Nicht zuletzt darf man sich über den Appendix von zwei Chorsätzen und drei Arien freuen, die zeigen, dass Bachs "Johannes-Passion" - hier von Rilling in der Erstversion von 1724 eingespielt - bis zum Tod des Komponisten ein "work in progress" mit verschiedenen Fassungen blieb.

Christoph Braun, 01.12.1999



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ein paar vorgegebene Noten, aber auch viel frei Improvisiertes – fast wie im Jazz. Beschrieb Nils Mönkemeyer seinen neuen diskografischen Ausflug nach Italien jüngst im Radio. Und ja, wer sich etwa erinnert, was Patricia Kopatchinskaja dem Konzerte wie am Fließband produzierenden Antonio Vivaldi unlängst auf der Geige andichtete – zugeben deutlich radikaler, als Mönkemeyer hier vorgeht – fühlt sich darin bestätigt. Es gibt Spielraum. Nun ist Mönkemeyer Bratscher, begegnet also […] mehr »


Top