Arvo Pärts Musik atmet. Er spricht von dem „natural musical breathing“ seiner Kompositionen. Doch was ist das für ein Atmen? Schwer und entsagend — und immer wieder auch recht asthmatisch. Freilich, alles klingt so schön. Die Sänger des Hilliard-Ensembles klingen schön, der estnische philharmonische Kammerchor klingt schön, die dicken Streicherakkorde des Kammerorchesters aus Reval klingen schön, die Bläserfanfaren, die Röhrenglocken und Pauken klingen ... Dazu ein akustisch voluminöser Kirchenraum und die Technik von ECM. Das ist Schönheit in Perfektion. Arvo Pärt gehört deshalb, ebenso wie sein weltliches alter ego Andrew Lloyd-Webber, zu den am meisten gespielten und gehörten zeitgenössischen Komponisten.
„Litany“ liegt ein Gebetstext des Heiligen Johannes Chrysostomus zugrunde, eines frühen Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche. „Trisagion“ ist ebenfalls von einem Text des Heiligen inspiriert, „Psalom“ hingegen vom 113. Psalm des Alten Testaments. Doch was nutzen all die hehren Bezüge, wenn die Musik wenig mehr tut, als damit hausieren zu gehen. Dieter Schnebel sagte in den sechziger Jahren: „Musica sacra ist wahrscheinlich erst eine, deren Heiligkeit sich verbirgt.“ Arvo Pärt ist der Antipode dieser Position, denn weniger komplex und noch offensichtlicher lässt „religiöse Musik“ sich nicht schreiben. Deswegen fehlt seiner Musik aber auch jene Beredtheit, die sie mehr denn nur atmen ließe.

Thomas M. Maier, 31.05.1996



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