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Arvo Pärt

Passio

Tonus Peregrinus, Antony Pitts

Naxos 8.55 5860
(62 Min., 5/2001 - 6/2001) 1 CD

Am Mystizismus, den viele neue Komponisten aus dem zerfallenen Ostblock verbreiten, scheiden sich die Geister. Sicher tut man Arvo Pärt Unrecht, wenn man die historisierenden Anklänge seiner Musik auf kitschige Bilder von Kapuzenmönchen mit tropfenden Wachskerzen reduziert. Pärts Pseudomittelalter darf als ein Zeugnis der Selbstbehauptung verstanden werden: Angesichts der Bedrohung der baltischen Kultur und Bevölkerung in der Sowjetunion ist die Beschwörung einer diffusen, teils christlich, teils heidnisch geprägten uralten Tradition Widerstand und meditative Stärkung zugleich. Doch auch für manchen im säkularisierten Westen ist Pärts künstlicher Ritus attraktiv: Er präsentiert uns unsere eigene christliche Traditionen neu in dunklem, exotischem Glanz.
Weil sich Pärt zudem "neuen", dissonanten Klängen nicht verschließt, entfaltet seine Musik ihre meditative Kraft, ohne einlullend zu wirken. Genau diese nüchtern-zeitgenössische Dimension betont diese Aufnahme. Sie tut es, in dem sie beispielsweise das strenge Kompositionsprinzip betont: so richten sich etwa die Pausenlängen weniger nach dem emotionalen Gehalt der Worte oder auf schwingende Spannungsbögen, sondern tatsächlich nach der Zahl der vorangegangenen Silben. Handelte es sich bei dem Text um einen Hymnus oder ein Gebet, wäre das wohl akzeptabel. Doch beim Drama der Passionsgeschichte wird das problematisch, zumal sich Pärt mit der Komposition ausdrücklich auf alle bezieht, "die für uns litten". Denn so nüchtern und verklärt das Leiden hier im Gewand des lateinischen Urtexts daherkommt, wirkt es unangenehm abgehoben von aller modernen Erfahrung.

Carsten Niemann, 12.07.2003



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