Responsive image
Hans Pfitzner

Eichendorff-Kantate "Von deutscher Seele"

Gabriele Fontana, Barbara Hölzl, Glenn Winslade, Robert Holl, Wiener Singverein, Wiener Symphoniker, Martin Sieghart

Arte Nova/BMG 74321 79422 2
(99 Min., 11/1999)

Der Werktitel "Von deutscher Seele" in Verbindung mit dem Komponistennamen Hans Pfitzner stößt Konzertbesuchern und CD-Käufern sauer auf, denn wenn von Pfitzners Biografie etwas bekannt ist, dann ist es seine Nähe zum Nationalsozialismus. Man könnte die Frage stellen, warum ein ähnlicher Tatbestand in der Biografie von Richard Strauss dessen Beliebtheit kaum einschränkt? 
Aber um beim Thema zu bleiben: Im Fall dieser Eichendorff-Kantate hüte man sich vor Pauschalurteilen, denn schließlich wurde das Werk schon 1922 fertiggestellt und sollte ursprünglich den Titel "Eichendorffiana" tragen. Es entstand aus der Liebe Pfitzners zu Eichendorffs Lyrik, die man nicht treffender charakterisieren könnte als einst Karl Schumann: Pfitzner „bewegte die düstere Seite des Lyrikers aus Oberschlesien, die fatalistische Einsicht in die Vergänglichkeit, die Nachtstimmungen, Todesgedanken und die Waldpoesie, nicht zuletzt auch der romantische Lobpreis des besseren Gestern."
Diese ausdrucksstarken Worte können auch einen Eindruck von der höchst inspirierten Musik verschaffen, die Pfitzner zu den ausgewählten Eichendorff-Gedichten erfand: Orchesterlieder und Ensembles des Solistenquartetts wechseln ab mit chorischen Abschnitten und sinfonischen Stimmungsbildern. Teilweise ist die Musik überraschend modern, und Pfitzner erweist sich als versierter Könner im Umgang mit den Möglichkeiten des Orchesters, dessen Stil auch Zukünftiges voraushören lässt.
Die Interpretation der Wiener Sinfoniker und des Wiener Singvereins unter Leitung von Martin Sieghart, muss sich der Konkurrenz von Joseph Keilberths 1966 produzierter Einspielung des Werks stellen: solistisch ist Keilberths Version mit Fritz Wunderlich und Agnes Giebel kaum zu übertreffen, gegen sie können Gabriele Fontana und Glenn Winslade unter Sieghart nicht sehr viel ausrichten. Ähnlich ist es mit dem Chor: Der Wiener Singverein ist ein gehobenes Laienensemble, dem der 1966 nicht einmal besonders gut disponierte Bayerische Rundfunkchor dennoch ein Mehr an Farben und Nuancen entgegensetzt. Bezüglich des schwierigen Orchesterparts haben beide Aufnahmen ihre Schwächen, aber insgesamt ziehe ich die ältere Einspielung vor.

Michael Wersin, 15.02.2001



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Gab es einen größeren Goethe-Verehrer unter den Komponisten als Ludwig van Beethoven? Den Poeten lernte Beethoven 1812 kennen, da hatte er sich von dessen Werken schon längst zu eigenen Kompositionen inspirieren lassen, vor allem zu einer ausgedehnten Bühnenmusik zum Trauerspiel „Egmont“. Eine geniale Mischung aus Poesie bzw. poetischer Andeutung und musikalischer Ausgestaltung, aus Worten und Klang. Diese Musik habe er „bloß aus Liebe zum Dichter geschrieben“, meinte Beethoven in […] mehr »


Top