Sergei Prokofjew

Klaviersonate Nr. 6 u.a.

Swjatoslaw Richter

Memoria/Mediaphon 991-011/12
(112 Min., 12/1980, 6/1981) 2 CDs

An Dokumenten von Swjatoslaw Richters außergewöhnlichem Künstlerleben besteht momentan fast ein Überangebot. Muss da noch dieser Konzertmitschnitt sein, der von einem japanischen Amateur aufgenommen wurde? Diese Frage kann ich nur uneingeschränkt bejahen. Tatsächlich schließt sich eine diskografische Lücke, denn auf diesen CDs finden sich meines Wissens die spätesten, gleichsam definitiven Äußerungen zu Prokofjew, die sein wohl wichtigster Interpret niedergelegt hat. Richter hat diese überraschend gut klingenden Aufnahmen autorisiert.
Richters Prokofjew der Achtziger ist immer noch so vital und kontrolliert-eruptiv wie ehedem – weit entfernt von Altersmilde. Die Sechste Sonate, vom Pianisten 1940 uraufgeführt, zeigt gleich den unverwechselbaren Richter-Stil. Mit pedalarmer, trockener, fast brutaler Klarheit werden die Ecksätze herausgehämmert. Richter kokettiert zugleich mit jenem Hauch von Pedanterie, den er so jäh in sein unnachahmliches Martellato umschlagen lässt. Er donnert zudem nicht einfach los wie die anderen, sondern findet, etwa in der "Suggestion diabolique", mit staubtrocken knatternden Repetitionen sein ganz persönliches sarkastisches Idiom.
Zugleich spielt der Hünenhafte mit den durchscheinenden Zerbrechlichkeiten. Bei kaum einem anderen Pianisten wirkt die Klaviermusik Prokofjews so transparent und selbst in den Brutalismo-Posen so licht. Und damit transportiert Richter zweifellos ein ganz authentisches Stück Interpretationsgeschichte.

Matthias Kornemann, 31.01.1998



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