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Sergei Prokofjew

Klavierkonzert Nr. 3, Sinfonie Nr. 5

Sergei Prokofjew, London Symphony Orchestra, Piero Coppola, Boston Symphony Orchestra, Sergei Kussewitzky

Dutton/Helikon CDBP 9706
(65 Min., 6/1932, 2/1946) 1 CD

Hier wird etwas hörbar, was nur selten auf Tonträger nachzuverfolgen ist: Wie Werke, die mittlerweile Repertoirestücke sind, geklungen haben, als sie neu waren, bevor die Routine einsetzte. Jedes Orchester hat heute die Hauptwerke Prokofjews im Programm, doch im Juni 1932, als sich der Meister höchstpersönlich hinsetzte, um sein gerade einmal elf Jahre vorher uraufgeführtes Drittes Klavierkonzert einzuspielen, bewegten sich die Musiker des Londoner Sinfonieorchesters in dieser Musik noch auf recht dünnem Eis. Der Dirigent Piero Coppola jedoch beweist untrügliches Gespür für den zwischen Lyrik und Satire sich bewegenden Stil des Komponisten und leitet eine sehr überzeugende Interpretation, die zum Glück für das hohe Alter der Aufnahme überraschend transparent und dynamisch klingt. Zumindest gilt dies fürs Orchester, das Klavier bleibt oft relativ im Hintergrund und kann sich nur dann deutlich vernehmbar machen, wenn es allein spielt, etwa im zweiten Satz.
Trotzdem ist es faszinierend, dem zu seiner Zeit als Pianist berühmten und umschwärmten Prokofjew einmal zuzuhören. Die Löwenpranke, die man ihm nachsagte, ist hier durchaus vernehmbar, ebenso der Enthusiasmus insbesondere für die wilden und brillanten Passagen seiner eigenen Musik. Wo andere Pianisten gedankenvoll über Details verweilen, gibt Prokofjew Vollgas, ob die Töne nun grundsätzlich immer stimmen oder nicht. Und gelegentlich passt er das Tempo auch kurzzeitig seinen eigenen Fähigkeiten an. Prokofjews musketierhafte Interpretation seiner eigenen Musik lässt verstehen, wie modern sie zu ihrer Entstehungszeit geklungen haben muss. Einen ähnlichen Mut zum Risiko bewies in späterer Zeit vor allem Martha Argerich (DG).
Die Aufnahme der Fünften Sinfonie entstand noch bevor das Werk überhaupt gedruckt erschien. Kussewitzky dirigierte aus einer handkopierten Partitur; daher erklären sich einige Einzelheiten, die vom gewohnten Bild abweichen, etwa das schnelle Tempo direkt nach dem Trio des Scherzos. Auch in dieser Einspielung vermittelt sich die Begeisterung von Dirigent und Musikern an dieser damals noch brandneuen Musik unmittelbar. Überschäumend die Verve, mit der Kussewitzki das Finale angeht, und auch der Kopfsatz, der in neueren Aufnahmen, bei denen Routine die Inspiration überwiegt, leicht etwas bräsig wirken kann, hat hier ungewohntes Feuer. Manchmal wäre es zu wünschen, dass immer wieder abgenudelte Repertoirestücke eine Zeitlang in der Versenkung verschwinden, damit sie nach gebührender Pause wieder so frisch und aufregend erklingen wie in diesen Interpretationen.

Thomas Schulz, 14.12.2000



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