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Sergei Prokofjew

Sinfonia concertante e-Moll für Violoncello und Orchester op. 125, Cellosonate in C op. 119

Han-Na Chang, London Symphony Orchestra, Antonio Pappano

EMI Classics 557 438-2
(62 Min., 3/2002) 1 CD

Sieht man ihre zierliche Gestalt, hält man die Intensität ihres Cello-Tones kaum für möglich. Han-Na Chang spricht selbst vom Problem des "Durchstehens" der Prokofjew'schen Musik und womöglich ist sie an ihre physischen Grenzen gestoßen. Aber man hört nichts von diesem Kampf, jedenfalls nicht von einem vergeblichen, im Gegenteil: sie hat ihn bravourös gemeistert. Dabei hat der unter Stalins gleichermaßen hirnrissiger wie gefährlicher Kulturpolitik leidende und - ausgerechnet! - am selben Tag (am 5. März 1953) wie der Diktator verstorbene Prokofjew mit seiner so genannten "Sinfonia concertante" dem Solisten einen wahrhaft schweren Brocken vorgesetzt. Das mehrfach seit 1938 umgearbeitete, im Dezember 1954 schließlich unter Rostropowitsch uraufgeführte sinfonische Cellokonzert, verlangt ein Höchstmaß an technischer Brillanz und an emphatischem, breit gefächertem Ausdrucksvermögen - gemäß den phänomenalen Fähigkeiten seines Uraufführungsinterpreten (dem Prokofjew bekanntlich alle Cellowerke auf den Leib und damit vielen Nachfolgern zur Abschreckung geschrieben hat). Rostropowitschs junge Schülerin besteht die Herausforderungen nahezu durchgehend, auch wenn ihr Ton (noch ?) nicht derart voluminös in der Tiefe ist wie der ihres Mentors. Schon allein die Art, wie sie das gigantische, 17-minütige Quasi-Scherzo meistert - mit all seinem wütenden Drauflosdreschen, seinem lyrischen Singen, melancholischen Versenken, dämonischen Ausbruchsversuchen und seiner irrwitzigen Kadenz: das flößt großen Respekt ein und hat so gar nichts mehr von jugendlichem Probieren.
Apropos wütend: Prokofjew hatte Grund genug, Stalin in die Hölle zu wünschen. Vermutlich war es zu gefährlich, vielleicht aber auch nicht seine (Charakter-)Sache, dieser Wut großen Raum zu geben. Er galt stets als "schwierig", verschlossen, undurchschaubar. Dafür mag auch und paradoxerweise die scheinbar so eingängige Cellosonate op.119 stehen, die (ironisch?) mit einem Kinderlied aufwartet und ansonsten im spätromantisch-versöhnlichen Duktus verbleibt; jedenfalls war diesem Werk im Unterschied zu jener widerborstigen Sinfonie der Vorwurf des volksfernen "Formalismus" nicht zu machen. Auch Chang und Pappano (der uns hier als veritabler Pianist entgegentritt) bringen den seltsam verschlüsselten Charakter dieser Sonate trotz aller Emphase nicht wirklich näher. Dies schmälert allerdings nicht das Lob für Changs und Pappanos fulminanten Beitrag zum Gedenkjahr, der nicht zuletzt wegen eines höchst engagierten LSO und seines ebenso detailfreudigen wie vitalen Leiters Respekt einfordert.

Christoph Braun, 24.05.2003



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