Responsive image

Shelf-Life

Uri Caine, Bedrock

Winter & Winter 910112-2/Edel Classics
(70 Min.)

Uri Caine ist bekannt dafür, einem ganzen Stall heiliger Klassik- und Jazz-Kühe das Wiederkäuen abgewöhnt zu haben. Dafür schickte der amerikanische Pianist auf seinen inzwischen 15 Platten unter anderem Gustav Mahler ins HipHop-Ghetto, konfrontierte Beethoven mit Bud Powell oder ließ Richard Wagner in einem Kaffeehaus Platz nehmen. Caines gewagtestes Unterfangen war sicherlich die Neu-Interpretation der Goldberg-Variationen im Bach-Jahr 2000, eine Melange aus barocker Aufführungspraxis, Soul-Pop, freier Improvisation und Breakbeats vom DJ-Plattenteller. Manche schüttelten darüber den Kopf. Manche jubelten.
Auch Caines neuester Streich, die zweite CD-Kollaboration mit den beiden Rhythmusgruppen-Spaßvögeln Tim Lefebvre (Bass) und Zach Danziger (Schlagzeug), mag die Gemeinde mal wieder spalten. Die Gretchenfragen lauten: wie hält man’s mit dem Groove? Und wie mit der Albernheit? Denn leicht durchgeknallt ist das schon, dieses Wildern des Trios in Gefilden, die manche als die tiefsten Geschmacksuntiefen der 70-er Jahre bezeichnen würden. Die Musik auf "Shelf-Life" klingt mal wie der Soundtrack zu einem nie gedrehten "Shaft"-Film, mal wie die Beschallung in einem surrealen Luxus-Hotel-Aufzug, mal wie das Vorspann-Gedudel einer amerikanischen Fernsehserie, in der man sich eigentlich nur Männer mit fiesem Schnurrbart und Hawaiihemd in der Hauptrolle vorstellen kann. Alles in allem also: saulustig. Und trotz des ständigen Flirtens mit der Bits- und Bytes-Schnibbelästhetik der Gegenwart (und dem Drum & Bass der Vergangenheit) ist "Shelf-Life" mit sehr viel echtem Schweiß, Herzblut und Philly-Soul eingespielt. Nix dran auszusetzen. Wenn man Spaß versteht.

Josef Engels, 25.06.2005



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Zwei geniale Geiger auf einer CD vereint, die die Welt der Klassik und die des Jazz miteinander verbinden, als wäre es das natürlichste der Welt. Einfach toll! Stéphane Grappelli, der französische Geigenvirtuose, weitgehend Autodidakt, aber übersprudelnd vor musikalischen Ideen traf 1973 erstmals auf den acht Jahre jüngeren Yehudi Menuhin, ehemals Wunderkind und damals längst Geigen-Legende. Grappelli hatte mit dem Quintette du Hot Club de France die Clubs aufgemischt, Menuhin die […] mehr »


Top